Objekttextilien Eingelaufene Gardinen: Übergardinen auf "Hochwasser"

Die Übergardinen eines Hotels sind nach der Behandlung in der Reinigung um etwa 5 cm in der Höhe eingegangen. Dem Textilreiniger wird vorgeworfen, die Vorhänge falsch behandelt zu haben. Doch können Übergardinen trotz Reinigung im Schonverfahren (F) KWL-Lösemittel einlaufen?

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    Eine der kürzer gewordenen Übergardinen.
    © Himmelsbach
    Eine der kürzer gewordenen Übergardinen.
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    Mehrere Stoffe der neuen Vorhänge waren betroffen.
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    Mehrere Stoffe der neuen Vorhänge waren betroffen.

Alles ist bestens organisiert. Die Hotelzimmer sind in der "ruhigen Zeit" geblockt, sodass die Hausdame die Gardinenreinigung in Angriff nehmen kann. Die Stores/Gardinen werden in der hoteleigenen Wäscherei gewaschen, für die Reinigung der Übergardinen allerdings greift man auf den bewährten Dienstleister, mit dessen Arbeit man schon einige Jahre zufrieden ist, zurück.

Abholung, Reinigung und Auslieferung klappen wie immer reibungslos. Allerdings sind, zum Entsetzen der Hausdame, die Übergardinen etwa 5 cm in der Höhe eingegangen.

Das muss natürlich möglichst sofort dem Textilreiniger vorgeführt werden, der die Vorhänge wohl zu heiß gewaschen oder gebügelt hat. "Seit Jahren sind wir zufriedene Kunden, aber jetzt haben Sie uns unsere Vorhänge versaut!" – schallt es durchs Telefon.

Zum Besichtigungstermin wird ein Sachverständiger hinzugezogen. Die Übergardinen sind zweilagig gearbeitet. Die Lagen sind nur über die Befestigungssysteme an der Aufhängung miteinander verbunden. An der dem Fenster zugewandten Seite befindet sich ein Verdunklungsstoff, an der dem Zimmer zugewandten der eingegangene Dekostoff.

Ein breiter Saum ermöglicht eine Verlängerung des Vorhanges um ca. 10 cm. Allerdings sind damit Näharbeiten verbunden, die sich letztlich als Kosten niederschlagen. Insgesamt sind 15 Zimmer betroffen.

Eingelaufene Gardinen retten

Waschfalten sind Stoffzugaben, die bei Stores und Übergardinen eingearbeitet werden. Die Falte wird so dimensioniert, dass nach einem Einlaufen (Eingehen) der Gardine nur eine Naht aufgetrennt werden muss, um die Gardine wieder zu verlängern.

Teilweise wird diese Stoffzugabe im unteren Bereich der Gardine eingearbeitet. Manchmal auch im oberen Bereich. Im Bereich der Waschfalte liegt der Stoff mehrlagig und ist deshalb je nach Stoffstruktur auch gegen das Licht, welches durch das Fenster einfällt, zu sehen.

Eine durch das Waschen oder Reinigen kürzer gewordene Gardine kann auf diese Weise "gerettet werden".

Im Gespräch stellt sich heraus, dass die Übergardinen zum ersten Mal zur Reinigung abgegeben wurden. Das Alter wird mit zwei Jahren angegeben. Die Ist-Höhe der Übergardinen beträgt nach Bearbeitung 235 cm, die Soll-Höhe 240 cm. Daraus folgt, dass die Gardinen ca. drei Prozent eingegangen sind.

Eingelaufene Gardinen trotz Schonverfahren?

Können Übergardinen trotz Reinigung in im Schonverfahren (F) KWL-Lösemittel einlaufen? Wurde zu heiß gereinigt oder gebügelt? Oder etwa doch gewaschen? Es wurde weder gewaschen noch zu heiß gereinigt oder gebügelt. Die Gardinen weisen keinerlei Anzeichen einer Fehlbehandlung auf.

Schadensursache: Das sagt der Gutachter

Wie jedes Textilmaterial können Dekostoffe bei Reinigungsprozessen einlaufen, auch wenn die Behandlungsbedingungen auf die vom Hersteller empfohlene Pflegebehandlung abgestimmt waren. Die Ursache liegt in Restspannungen, die nach Abschluss des Produktionsprozesses noch im Gewebe verbleiben können.

Um die Textilbahnen faltenfrei durch die Ausrüstungsmaschinen der Webereien zu transportieren, müssen die Stoffe sowohl in Längs- als auch Querrichtung gespannt werden. Bei der Stoffproduktion bemüht man sich zwar, diese Spannungen nach Abschluss der Ausrüstung wieder zurückzunehmen und die Ware zu fixieren, damit später bei der Benutzung und bei Pflegebehandlungen keine Maßänderungen entstehen.

Das gelingt jedoch nicht immer in vollem Umfang, sodass auch bei sachgemäß ausgerüsteten Textilien noch Restspannungen enthalten sein können. Diese führen dann bei einer späteren Entspannung durch Pflegebehandlung (Reinigung) zu einer Maßänderung.

Als handelsüblicher Toleranzbereich für das Eingehen von Dekostoffen bei der ersten Pflegebehandlung werden bis zu sechs Prozent angesehen. Das bedeutet also, dass Maßverluste in dieser Größenordnung vom Kunden in Kauf genommen werden müssen. Wurden allerdings in der Produktionskette die Spannungen versehentlich überhaupt nicht zurückgenommen, können Maßänderungen bis zu 25 Prozent auftreten.

Deshalb empfiehlt es sich, bei der Anfertigung von Dekostoffen die Entspannungskrumpfung durch Dekatieren bereits vor dem Konfektionieren (Nähen etc.) vorwegzunehmen.

Dipl.-Betriebswirt (BA) Meinrad Himmelsbach ist Textilreinigermeister, Sach­verständiger und Geschäftsführer der Himmelsbach Reinigung Färberei GmbH in Freiburg.
Meinrad Himmelsbach, Dipl.-Betriebswirt (BA), Textilreinigermeister, öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter für Textilreinigung, Januar 2010 - © Himmelsbach

Eingelaufene Gardinen: Die Schadensregulierung

Mit diesem Schreiben konnte die Hausdame und schließlich der Raumausstatter bewogen werden, selbst für die Beseitigung des entstandenen Schadens aufzukommen. Die Kosten für Ab- und Aufhängen, den Transport und das Umnähen der Gardinen konnte der Reinigungsbetrieb auf diese Weise einsparen. Letztlich bedankte sich sogar die Hausdame bei dem Textilreinigungsbetrieb: für die prompte Reaktion und die aussagekräftige Argumentationshilfe für das Gespräch mit dem Lieferanten der Übergardinen.

Was bedeutet dekatieren?

Dekatieren beschreibt in der Textilindustrie ein Veredelungsverfahren für Stoffe aus Schurwolle und Schurwollmischgeweben. Dabei wird das Gewebe mit Wasserdampf unter Druck behandelt und schrumpft ein. Ein nachträgliches Eingehen der fertigen Textilien wird verhindert.

In der Textilreinigungsbranche wird der Begriff dafür verwendet, noch nicht zugeschnittene Stoffbahnen großflächig zu dämpfen um Spannungen, die sich durch die Produktion noch im jeweiligen Stoff befinden, herauszulösen. Ein Eingehen des Stoffes im Rahmen einer späteren Lösemittelbehandlung kann damit vermieden werden.