Ein „hochwertiges Paar Seidenstores“ aus einem schicken Einrichtungshaus sollte „gewaschen“ werden. „Nur Staub“ befinde sich auf den Stores und man solle ganz vorsichtig sein. Also kein Problem für eine gute Reinigung?
Nach der Reinigung „Crashlook“
Immer wieder gibt es Unsicherheiten wie die Produktgruppen begrifflich benannt werden und was sie voneinander unterscheidet. Dazu einige wenige Hinweise: Eine nahezu deckungsgleiche Bezeichnung für Stores ist Gardine. In Abgrenzung hierzu spricht man dann bei blickdichten Verdunklungsstoffen von Übergardinen bzw. Vorhängen. Die Interessengemeinschaft der deutschen Heimtextilienindustrie GmbH unterscheidet zwischen Gardinen (licht- und blickdurchlässig) und Dekostoffen (Vorhänge, Übergardinen, Schals). Diese Dekostoffe sind blickdicht und mehr oder weniger lichtdicht. Verdunklungsstoffe sind Stoffe, die absolut licht- und blickdicht sind. Die Stoffe, die zwar sehr viel Licht durchlassen, aber keinen Blick von innen nach außen zulassen, nennt man Inbetweens (übersetzt dazwischen), also ein Zwischending zwischen Gardinen und Dekostoffen.
Die Stores im vorliegenden Fall wurden zunächst einer genaueren Warenschau unterzogen. Es zeigte sich eine erhebliche Verschmutzung durch Rückstände von Fliegen und Mücken. Außerdem befand sich folgende Material- und Pflegekennzeichnung an einem der Stores: Material: 100 Prozent Polyester; Pflegehinweise: Waschverbot, Bleichverbot; Bügeln: Stufe 1; Reinigung: P und nicht in den Haushaltstrockner.
So war der Textilreinigermeister vor die Wahl gestellt, entweder die Pflegeanleitung zu beachten, die Verschmutzung aber nicht entfernen zu können, oder den Polyesterstoff zu waschen, um somit einen guten Reinigungseffekt zu erzielen.
Schadensursache
Polyester ist ein in aller Regel sehr pflegeleichtes Material, das auch gut waschbar ist. Die Farbe der Stores, ein sehr helles Beige, sprach ebenfalls nicht gegen eine Waschbehandlung. So entschied sich der Meister, ohne vorherige Rücksprache und Risikoübernahme durch den Kunden, für eine schonende Waschbehandlung.
Umso größer war die Überraschung, als die Gardinen nach der Waschbehandlung völlig zerknittert aus der Waschmaschine entladen wurden.
Handelt es sich doch um Seidengardinen? Aber nein, es sind eindeutig Polyesterstores. Anschließendes Dämpfen und Bügeln brachte keinen Erfolg. Die Knitterfalten waren nicht zu entfernen. Der beauftragte Gutachter erhielt die Stores mit der Fragestellung, ob hier ein Behandlungsfehler des Textilreinigers vorliege. Insbesondere sollte bei der Beurteilung berücksichtigt werden, dass sich dem Textilreiniger keine andere Möglichkeit bot, als die Stores nass zu behandeln, da ansonsten die nassgebundene Verschmutzung (Fliegen- und Mückenkot) nicht entfernt werden konnte.
Natürlich bestand der Kunde auf der Feststellung, dass sich auf den Stores ausschließlich Staub befunden habe. Für ein Verschulden des Textilreinigers spricht, dass er eine durch die Pflegekennzeichnung verbotene Waschbehandlung durchgeführt hat und die Stores nun beschädigt sind. Andererseits erscheint es sehr wahrscheinlich, dass die Stores nicht nur verstaubt waren, wie der Kunde behauptet, sondern auch mit den einschlägigen Flecken versehen.
Schadensregulierung
Dass beide Parteien aus ihrer jeweiligen Sicht auf den Schadensfall auch in den Augen eines neutralen Gutachters „Recht haben“, ist stets eine besondere Herausforderung. Wie kommt man nun aus dieser Zwickmühle heraus? In diesem Fall eigentlich ganz einfach: Man beseitigt den Schaden. Die Grundüberlegung dazu lautet: Wenn Knitter durch eine schonende Waschbehandlung entstanden sind, müssen sie doch auch wieder zu beseitigen sein. Da es mit Bügeln und Dämpfen nicht geklappt hat, müsste man es mit Pressen versuchen.
Tatsächlich konnten die Falten letztendlich unter zu Hilfenahme einer Hosenpresse beseitigt werden. Dabei wird die Pressplatte 10 bis 20 Sekunden mit ca. 6 bar auf die Gardine gepresst. Die zugeführte Wärme in Verbindung mit der Energie in Form des Anpressdruckes erweicht die Polyesterfaser. Dadurch werden die Fasern wieder in ihre ursprüngliche Form gedrückt.
In manchen fehlerhaft gewählten Waschverfahren werden Textilien aus Sythetikfasern ohne „Cool-down“ (d.h. langsames Abkühlen der Waschflotte durch Zufuhr von kaltem Wasser in die warme oder heiße Waschflotte) gewaschen und es entstehen dadurch beim Schleudern Falten, Knicke und oft auch „Krähenfüße“. Auch in solchen Fällen lohnt es sich zu versuchen, die Falten durch Pressen zu entfernen. Je nach Konfektionierung der Textilien und der technischen Ausstattung des jeweiligen Betriebes sind diesem Lösungsweg Grenzen gesetzt. Man denke an Jackenärmel, Schulterpartien oder Ballonröcke. Bei teuren Teilen lohnt es sich eventuell Nähte aufzutrennen, den Schaden durch Pressen zu beheben und anschließend durch Näharbeit den Ausgangszustand wiederherzustellen.