Glätten und Plätten aber nicht den Rand Ein Traum in Seide zerstört

Der flach gebügelte Rand und Verzüge in der ursprünglich rechtwinkligen, quadratischen Form nach der Reinigung eines hochwertigen Seidentuches waren ein Grund zur Reklamation. Doch wie beurteilt der Gutachter den entstandenen Schaden an diesem wertvollen Stück?

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    Bild 1Gesamtansicht des reklamierten Hermes-Tuches.
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    Bild 2An einer Seite ist die Ecke stark überbügelt und geht dann in den weniger stark überbügelten Rand über.

Ein Traum in Seide zerstört

Im vorliegenden Schadensfall wurde ein Seidentuch der Marke „Hermes Paris“ reklamiert. Hermes ist eine Luxusmarke und die Seidentücher in der Größe 90 u 90 cm, auch Carres genannt, sind als Klassiker bekannt. Natürlich gibt es ähnliche Tücher auch von anderen Marken. Das besondere an diesen hochwertigen Tüchern ist zunächst die Qualität der Seide, dann die Gestaltung der Tücher durch die jeweiligen Künstler, der perfekte Druck und der handrollierte Saum.

Aufgrund der über 70-jährigen Geschichte der Hermes-Tücher, die 1937 zum ersten Mal auf den Markt gebracht wurden, haben die Tücher einen besonderen Status. Nachempfunden wurden sie den Schals der Soldaten aus der napoleonischen Zeit. Die englische Königin Elisabeth II. trägt ebenso einen Hermes-Schal wie auch Madonna. Bereits 1956 benützte Grace Kelly ein „Carre“ als Schlinge für ihren gebrochenen Arm. Auch heute noch sind die Tücher ein „musthave“ in bestimmten Kreisen.

Die Erfolgsgeschichte des Seidentuches hat im Jahre 1837, als Thierry Hermes aus Krefeld sich in Paris als Sattlermeister niederließ, noch niemand vorhergesehen. Aber die Familientradition setzt sich bis in unsere heutige Zeit fort, und die Mehrheit der Firmenanteile befindet sich auch heute noch fest in der Hand der Familie. Natürlich gibt es auch Seidentücher anderer Hersteller, für die die nachfolgenden Ausführungen zum „handrollierten“ Rand ebenfalls gelten.

Im vorliegenden Fall reklamierte die Kundin an ihrem zur Reinigung abgegebenen Seidentuch einen flach gebügelten Rand und Verzüge in der ursprünglich rechtwinkligen, quadratischen Form des Tuches. Der Textilreiniger konnte jedoch keine Schädigung erkennen und so gelangte das Tuch zum Gutachter.

Der Gutachter sollte nun Stellung nehmen, ob eine Fehlbehandlung durch die Textilreinigung erfolgt ist. Darüber hinaus sollte der Zeitwert beziehungsweise die Wertminderung ermittelt werden. Welchen Wert hatte das Tuch vor der Reinigungsbehandlung im Vergleich zum Wert im Zustand nach der Bearbeitung durch den Textilreinigungsbetrieb?

Schadensursache

Das Bügeln wird in Textilreinigungen in aller Regel sehr engagiert und professionell durchgeführt. Aus Unwissenheit werden die „unordentlichen“ Ränder der Seidentücher allerdings manchmal so gebügelt „wie es sich gehört“, nämlich flach. Aber genau dieses Vorgehen kann eine Reklamation auslösen, wie es auch der vorliegende Fall zeigte.

Die überbügelten Ränder und die Verzüge im vorgelegten Seidentuch sind unterschiedlich stark ausgeprägt, an einigen Stellen jedoch deutlich zu erkennen. Augenscheinlich war also das Bügeln bzw. Dämpfen die Ursache dieser Schädigung. Aber liegt hier überhaupt eine Schädigung vor? Das Tuch wird doch sowieso zusammengefaltet oder gewickelt getragen und die Ränder sind dann weder für die Trägerin noch für andere Personen in ihrem veränderten Zustand sichtbar.

Der Gutachter kam zum Schluss, dass tatsächlich eine Schädigung vorliegt. Seidentücher, die als Dekoration um den Hals oder die Schulter gelegt werden, könnte man auch mit Krawatten vergleichen. Für sie müssen besondere Anforderungen im Hinblick auf perfektes Aussehen geltend gemacht werden. Sie gelten als besondere Zierde und selbst kleinere Flecken und Mängel wiegen bei diesen Artikeln sehr viel stärker als beim Rest der Garderobe.

Die Seidentücher von Hermes oder anderen Herstellern höherwertiger Seidentücher haben als ein Qualitätsmerkmal handrollierte Ränder. Das bedeutet, dass die Kanten nicht umgeschlagen und versäumt werden, sondern von Hand leicht auf die Vorderseite eingerollt und diese kleinen Röllchen dann angenäht werden. Diese Konfektionierung bedeutet einen ungleich höheren Arbeitsaufwand. Der damit verbundene optische und haptische Effekt geht beim Überbügeln des Randes jedoch verloren.

Eine häufige, weitere Ursache für eine Schädigung von Seidentüchern in Reinigungen ist das Kennzeichnen mit Reinigungsetiketten. Bei vorliegendem feine Nadeln oder Heftfädchen, wenn sie vorsichtig durch die Zwischenräume des Seidengewebes geführt werden, verursachen auch Löcher, die aber durch Dämpfen und Überarbeiten meist wieder entfernbar sind. Das lässt sich von einer unsachgemäßen Etikettierung nicht sagen. Sie durchtrennt einzelne Fäden im Seidengewebe und führt zu kleinen irreparablen Löchern, die zu Recht reklamiert werden könnten. Deshalb sollte auch darauf geachtet werden, dass die Seide möglichst nicht durch Nadelstiche oder Metallklammern beschädigt wird. Die Kennzeichnung am Pflegeetikett oder an einem Netz, in dem das Tuch gereinigt wird, sollte genügen.

Zur Zeitwertermittlung wird versucht, den Wert des Tuches vor der Abgabe bei der Reinigung zu ermitteln. Eine Angabe über den Anschaffungszeitpunkt und den damaligen Preis lag dem Gutachter nicht vor. Eine Internetrecherche ergab daraufhin, dass der Neupreis von Hermes-Tücher in etwa zwischen 220 und 250 Euro liegt. Ausschlaggebend für den Wert des geschädigten Tuches war jedoch seine großflächige Gebrauchsverschmutzung, die nicht mehr entfernbar ist.

Da es sich um ein exklusives Tuch handelt, muss durch die großflächige Anschmutzung, die bereits zum Zeitpunkt der Reinigung vorlag, davon ausgegangen werden, dass durch die Reinigungsbehandlung keine in Geld messbare weitergehende Schädigung eingetreten ist. Wenn das Tuch mit Gebrauchsflecken noch getragen werden kann, spielen Rand und leichte Verzüge eine untergeordnete Rolle.

Schadensregulierung

Der Textilreiniger hat den Rand aufgetrennt, alles erneut gebügelt und den Rand wieder neu rollieren lassen. Mit diesem Entgegenkommen konnte der Fall ohne weiteren Rechtsstreit abgeschlossen werden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch noch die Warnung an potenzielle Reinigungskunden im Internet. Selbst ernannte Ratgeber empfehlen die Seidentücher selbst mit bestimmten Mitteln zu waschen. Zahlreiche schlechte Erfahrungen bei unterschiedlichen Reinigungen werden als Begründung für diese alternative Vorgehensweise angegeben.

Derartige Aussagen sollte man zwar nicht überbewerten, es scheint jedoch ein bestimmter Bedarf vorhanden zu sein, derartige Artikel handwerklich gut pflegen zu lassen. Manche Kundin sagt sich: „Wer mein Carre gut reinigen kann, zu dem bringe ich auch meine restliche Garderobe.“