Die Feuerwehr ist längst keine Männerdomäne mehr – doch bei der Schutzkleidung sind Frauen noch längst nicht überall mitgedacht. Warum Passform im Einsatz entscheidend ist und welche Hersteller bereits umsteuern.

Die Feuerwehr war lange Zeit eine Männerdomäne. Das Blatt wendet sich jedoch. So zeigt die Statistik des Deutschen Feuerwehrverbands (Berlin), dass zum Stichtag Dezember 2022 in Deutschland 122.624 Frauen (11,9 %) in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv waren. Darüber hinaus waren 1.193 (3,0 %) in der Berufsfeuerwehr und 1.433 (4,2 %) in Werkfeuerwehren tätig. Rund ein Drittel der Mitglieder in Jugendfeuerwehren waren Mädchen (114.014). Vergleichbar scheint die Situation in Österreich zu sein: Der Österreichische Bundesfeuerwehrverband gibt an, dass im Jahr 2025 unter allen österreichischen Feuerwehrmitgliedern 10,7 % weiblich waren (Zuwachs seit 2008: circa 206 %).
Die steigende Zahl von Frauen in Rettungsdienst und Feuerwehr erfordert bei der Zusammenstellung entsprechender Schutzkleidung ein Umdenken. So kommt es gerade in der Innenabwehr auf eine gut sitzende HuPF-Montur an (HuPF = Herstellungs- und Prüfungsbeschreibung für eine universelle Feuerwehrschutzkleidung). Sie darf beim Einsatz nicht behindern und muss das Eindringen von Rauchgasen verhindern.
Bisher findet sich in diesem Sektor jedoch nur ein sehr überschaubares Angebot für Frauen. Zu den Unternehmen, die auch Frauen berücksichtigen, zählt beispielsweise S-Gard mit der Dienstkleidungskollektion Endurance. Diese umfasst neben diversen Herrenmodellen standardmäßig auch eine Damenhose und -jacke. Auch der US-amerikanische Hersteller MSA Safety bietet Feuerwehr-Schutzkleidung mit Damenschnitten an. Die gewichtsreduzierte, mit integrierter Rettungsschlinge und Schlepprettungsgerät ausgestattete Kollektion Bristol X4 ist in verschiedenen Damenausführungen erhältlich.
Im Feuerwehr-Tagesdienst ermöglicht die Produktlinie Flammgard von HB Protective Wear (Thalhausen) ein einheitliches Erscheinungsbild für Frauen und Männer. In der Technischen Hilfeleistung bietet das Unternehmen das Sortiment Technical Rescue und die „Lite“-Version für beide Geschlechter an. Eine Besonderheit ist die Kollektion FeuerwehrHelden für Jugendfeuerwehren. Ein moderner Schnitt sorgt für eine gute Passform, während elastische Elemente und Verstärkungen an Ellbogen und Knien den Stil der professionellen Einsatzbekleidung übernehmen.
Schnitt an Frauen angepasst
Eine interessante Produktentwicklung für Frauen in der Feuerwehr zeigte Texport mit dem Ergofit-Hosenträger. Das zur Gesamtausstattung einer schweren Feuerwehruniform gehörende, üblicherweise für Männer zugeschnittene Accessoire verursacht vor allem kleinen, schmalen Frauen Probleme. Um das angehängte Gewicht der Hose gleichmäßig auf den ganzen Oberkörper zu verteilen, hat das Unternehmen den Schnitt angepasst – und erhielt dafür auf der Interschutz viel Beachtung.
Mit unterschiedlich entwickelten flammhemmenden und hochsichtbaren Emblemsystemen und stark haftenden UHF-Transpondern für die Kennzeichnung und Zuordnung von Feuerwehr-Schutzkleidung präsentierte sich Thermotex Nagel (Schutterwald). Außerdem zeigte das Unternehmen auf seinem Messestand ein Ausgabesystem für die textile Ausstattung von Feuerwehren, Rettungsdiensten etc. Die in einem Schrank verbaute RFID-Technologie übernimmt das Bekleidungsmanagement für die Beschäftigten durch Ausgabe und Rücknahme der ihnen zugewiesenen Teile.
>> Lesetipp: In Hannover findet alle vier Jahre die Weltleitmesse für Feuerwehr, Rettungswesen und Bevölkerungsschutz, Interschutz, statt. Neben der „Hardware“ gehören textile Lösungen und Maschinen für deren Aufbereitung und Dekontamination nach einem Einsatz zu den Ausstellungsschwerpunkten. Wir waren vor Ort. >> zum Messenachbericht
Interview mit Feuerwehrfrau Birgit Kill
Birgit Kill ist Oberbrandmeisterin (FF) und beim Marburger Unternehmen RUN Rettungswesen und Notfallmedizin als Seminarleiterin tätig. Seit mehr als einem halben Jahrzehnt engagiert sie sich als Unterstützerin für Frauen in der Feuerwehr und setzt sich für gleiche Arbeitsbedingungen ihrer Kolleginnen ein. Einen der Problembereiche sieht sie in der Schutzkleidung, die fast ausschließlich für Männer gemacht ist.

R+WTextilservice: In vielen Berufssparten gibt es inzwischen standardmäßig Arbeitskleidung in Damen- und Herrenschnitten. Wie ist die Situation bei Schutzkleidung für Feuerwehren und Rettungsdienste?
Birgit Kill: Tagesdienstkleidung für Feuerwehren mit und ohne Schutzklasse 1 wird von vielen Herstellern inzwischen in Damen- und Herrenpassformen angeboten. Sobald man jedoch auch nur in den Bereich der Waldbrandbekämpfung oder der höheren Schutzklasse für die Brandbekämpfung im Innenangriff kommt, wird das Angebot am Markt deutlich problematischer. Gerade dort, wo es für bestmöglichen Schutz auf perfekte Passform ankommt, stehen selbst bei Marktführern vielfach keine frauenspezifischen Größen und Schnitte zur Verfügung.
Was tragen Feuerwehrfrauen denn bei Einsätzen, die eine mehrlagig aufgebaute Schutzkleidung erfordern?
Uns bleibt oft keine andere Wahl, als Männerkleidung zu tragen, die üblicherweise in einem breiten Größenspektrum angeboten wird. Trotz der Auswahl ist eine gute Passform eher Glückssache. Einer der Gründe ist, dass Frauen naturgemäß breitere Hüften als Männer haben. Um mit einer geschlossenen Schutzjacke in den Einsatz gehen zu können, müssen meine Kolleginnen zu einer größeren Herrenkonfektionsgröße greifen. Diese passt dann zwar um die Hüfte, ist in den Schultern aber viel zu weit, hat deutlich zu lange, an Männerarmen orientierte Ärmel oder reicht im schlimmsten Fall bis zu den Knien. Dasselbe gilt für Hosen; da müssen dann zu lange Hosenbeine umgekrempelt werden, was erhebliche Unfallgefahren birgt.
Auf der Interschutz wurden verschiedene Kollektionen in Damen- und Herrenpassform gezeigt. Zeichnet sich eine Emanzipation bei der Einkleidung von Feuerwehrleuten und Rettungskräften ab?
Passende Schutzkleidung muss selbstverständlich sein, und die Hersteller reagieren allmählich auch auf diese Anforderung, die bei Rettungsdienstschutzkleidung schon vergleichsweise weit umgesetzt ist. Bei der Feuerwehreinsatzkleidung scheitert es jedoch oftmals nicht nur an den Herstellern, sondern auch an den Feuerwehren selbst, die passende Schutzkleidung für Feuerwehrfrauen mitnichten regelhaft beschaffen. Es werden lieber Standard-Männer-Größen eingekauft und eine einzelne, kleine Feuerwehrfrau hat dann eben „Pech gehabt“. Da muss gespart werden, obwohl auch Frauen in der Feuerwehr ganz überwiegend ehrenamtlich und unentgeltlich ihren Dienst für Städte und Gemeinden verrichten. Trotzdem wird hier die Gesundheit Einzelner aufs Spiel gesetzt.
Was würden Sie ändern, um die Schutzkleidungssituation von Feuerwehrfrauen zu verbessern?
Kollektionen mit Damen- und Herrenmodellen müssen für Hersteller verpflichtend werden, wenn sich diese auf öffentliche Ausschreibungen bewerben möchten. Zudem müssten die Schnitte, Formen und die Ausstattung – also beispielsweise Brusttaschen oder die Fixierung von Funkgeräten – an die Anatomie von Frauen angepasst werden. Es darf keine Preisunterschiede geben, auch wenn ich verstehe, dass die Hersteller den Entwicklungsaufwand ebenso wie geringere Stückzahlen in die Kosten einrechnen. Außerdem würde ich den Mitarbeiterinnen (und auch männlichen Mitarbeitern) mehr Mitsprache bei der Zusammenstellung der Kleidung geben. Denn Einsatzkleidung ist nicht nur für die persönliche Sicherheit, sondern auch für die Identifikation mit der eigenen Feuerwehr und die Außenwirkung in der Bevölkerung wichtig.
>> Lesetipp: Ein Influcencer, der Schutzausrüstung testet: Niklas Röder ist aktiver Feuerwehrmann und betreibt einen erfolgreichen Instagram-Account. Im Interview im Vorfeld zur Messe A+A erzählte er, wie das zustande kam und welche Trends, aber auch welche Schwachstellen er bei Feuerwehr-PSA sieht. >> zum Interview mit Niklas.on.fire