Als Angela Poschs Bruder plötzlich im Alter von 40 Jahren verstarb, denkt sie zunächst nicht daran, sein Textilreinigungsunternehmen R&E Goebel in Wien weiterzuführen. Doch das Lebenswerk des Bruders aufzugeben, kam für die mehrfache Mutter nicht in Frage. Nur Wochen später übernahm sie die Firmenleitung.

Es ist gerade einmal zwei Jahre her. Der Tod ihres Bruders war für Angela Posch und ihre gesamte Familie ein schwerer Verlust. R+WTextilservice berichtete in einem Nachruf darüber. Stefan Posch starb unerwartet im Alter von 40 Jahren. Nach den ersten Wochen einer Art Schockstarre, wie die heutige Geschäftsführerin von R&E Goebel in Wien es ausdrückt, übernahm sie die Firmenleitung und führte die Familientradition des österreichischen Unternehmens fort.
Ohne die Unterstützung ihrer Mitarbeitenden wäre das unmöglich gewesen, betont die 42-jährige Unternehmerin. Die emotionale Lücke konnten sie nicht füllen. Keine Frage. Dennoch: Das Team der R&E Goebel Textilservice GmbH war zur Stelle, als Zeichen seiner Verbundenheit. „Stefan war ein außergewöhnlicher Mensch mit großem Herzen und ein Unternehmer mit vielen Visionen, der seine Arbeit mit enormem Engagement und Leidenschaft ausgeübt hat“, sagt Angela Posch über ihren Zwillingsbruder, dessen Lebenswerk sie nicht aufgeben wollte.
Engagement, das Würdigung verdient
Stefan Posch war seit 2011 Geschäftsführer des Familienunternehmens; darüber hinaus ein Förderer seiner Branche in Österreich, ob als Obmann der Gütegemeinschaft Wäscherei und Textilreinigung oder als Gründer einer Initiative zur Lehrlingsausbildung. Für sein Engagement, insbesondere für die Modernisierung und Neupositionierung der einstigen „Putzerei Goebel“, erhielt er im Jahr 2015 den RWin.
Drei Jahre später wurde der Traditionsbetrieb R&E Goebel mit dem RWin-Sonderpreis für den Einsatz umweltschonender Verfahren und nachhaltiges Marketing ausgezeichnet (mehr zum Branchenaward RWin für R&E Goebel lesen Sie unten). 2018 würdigte der Fachverband Textil-, Bekleidungs-, Schuh- und Lederindustrie in Österreich den Betrieb außerdem als Unternehmen des Jahres.
„Stefan hat Enormes geleistet. Das ist heute noch in vielen Bereichen und Gesprächen spürbar“, sagt seine Schwester, die an diese Erfolge anknüpfen konnte.
Verantwortung und voller Einsatz
Ins kalte Wasser sei sie nicht wirklich gesprungen. Nach der Matura arbeitete sie drei Jahre lang im Familienbetrieb – in der Buchhaltung, bei der Angebotserstellung und im Marketing. Anschließend wechselte sie zur Wirtschaftskammer Österreich, wo sie 17 Jahre lang in der Buchhaltung und im Veranstaltungsmanagement tätig war.
Nach dem Tod ihres Bruders gab sie diese Aufgabe nicht sofort auf. Zwei Jahre lang arbeitete sie parallel, bevor sie sich vollständig auf R&E Goebel konzentrierte. „Die ersten Monate waren intensiv. Es galt, in kurzer Zeit sehr viel zu lernen: interne Abläufe, Kundenbeziehungen, technische Zusammenhänge und die vielen Menschen, die mit unserem Unternehmen verbunden sind.“
Die Nachfolge im Familienbetrieb war ursprünglich nicht ihr geplanter Lebensweg. Wesentliche Eigenschaften hatte sie allerdings schon in der Kindheit verinnerlicht: „Einsatzbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft anzupacken“, zählt sie auf. „Gleichzeitig sind wir mit viel Liebe und Fürsorge aufgewachsen. Erst heute kann ich wirklich nachvollziehen, was es bedeutet, als Unternehmerin Verantwortung für Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Kunden zu tragen – und zugleich nach Hause zu kommen, diese Verantwortung für einen Moment loszulassen und ganz für die Familie da zu sein.“
Ein Unternehmen, das eine Zukunft verdient
Es sei eine Mischung aus Pflichtgefühl und Überzeugung gewesen, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen, das derzeit 39 Festangestellte und einen Praktikanten beschäftigt. Zudem sei sie sich sicher gewesen, dass R&E Goebel ein außergewöhnliches Unternehmen ist, das eine Zukunft verdient. Noch einmal betont sie, wie dankbar sie ihren Mitarbeitenden ist, die sie anfangs buchstäblich an die Hand nahmen. Denn, so erinnert sie sich: „Als wäre die Situation nicht schon herausfordernd genug gewesen, kam es nur eine Woche nach Stefans Tod zu einem Brand im Unternehmen. Das war ein weiterer Schock und eine enorme zusätzliche Belastung.
Ohne den Zusammenhalt der Familie, unseres Teams und hilfreicher Branchenkollegen hätten wir das nicht bewältigen können.“ Dieser Rückhalt ermutige sie bis heute. „Außerdem arbeite ich sehr gerne mit unserem Team zusammen und schätze die Vielfalt der Aufgaben und Herausforderungen. Besonders schön sind die Momente, in denen neue Kunden uns ihr Vertrauen schenken, langjährige Kunden uns weiterhin die Treue halten oder uns weiterempfehlen. Dabei spüre ich oft, wie viel Vertrauen und Wertschätzung mein Bruder aufgebaut hat. Dieses Fundament weiterzuführen und gleichzeitig eigene Akzente zu setzen, ist für mich eine große Motivation.“
Mehr Farbe ins Business bringen
Allein schaffe sie das selbstverständlich nicht. Ihr Führungsteam spiele eine wichtige Rolle. Verantwortung zu teilen und sich auf kompetentes Personal verlassen zu können, sei gerade in einem Familienbetrieb von unschätzbarem Wert, erklärt die Mutter einer dreijährigen Tochter und eines 20-jährigen Sohns. Diese dürften nicht zu kurz kommen. „Ich habe das große Glück, dass mich mein Partner, meine Eltern und Schwiegereltern dabei unterstützen, Familie und Unternehmen miteinander zu vereinbaren. Mein Sohn arbeitet neben seinem Studium ebenfalls im Betrieb mit. Wer weiß, vielleicht prägt auch er in ein paar Jahren die Firmengeschichte.“

Dank dieses Rückhalts hat die einstige Putzerei Goebel eine Zukunft. Im Wiener Adressbuch von 1904 war Rosa Goebel als Betreiberin einer chemischen Putzerei eingetragen. „Vieles deutet darauf hin, dass sie eine wichtige Rolle in den frühen Jahren unseres Unternehmens gespielt hat“, sagt Angela Posch, die nun als Unternehmerin die mehr als 125-jährige Firmengeschichte weiterschreiben wird. „Diese Tradition ist ein wertvoller Teil unserer Identität und gleichzeitig eine Verpflichtung, uns ständig weiterzuentwickeln“, betont sie. Das Motto „Goebel thinks green“ ist zeitgemäßes Programm und der Slogan „Uns ist nichts zu bunt“ steht traditionell für die Vielfalt textiler Dienstleistungen im Privatkunden- und B2B-Geschäft. Dazu gehören die Pflege nahezu sämtlicher Textilien zum Leben und Wohnen sowie Wäschereileistungen im Full-Service.
Eine Renaissance erlebt das Färben von Textilien. Als die Putzerei Goebel 1901 in Wien gegründet wurde, war sie bereits auf Stückfärberei spezialisiert. „Heute ist sie eines unserer Herzensprojekte, auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit“, erklärt Angela Posch. „Die Zusammenarbeit mit dem Textilchemiker Stefan Bernot von ‚Glow Up‘ ermöglicht uns, Synergien zu nutzen und hochwertigen Textilien – einem Brautkleid beispielsweise – ein zweites Leben zu geben. Laut unseren Recherchen gibt es in Mitteleuropa nur noch wenige Unternehmen, die Stückfärbung anbieten. Anfragen aus dem Ausland bestätigen, wie selten dieses Know-how geworden ist.“
Herausforderungen mit einem Lächeln angehen
Angela Posch will die Firmenchronik weiter ergründen. Für ihre Familie beginnt sie im Jahr 2000. Vater Alfred Posch übernimmt den Betrieb und spezialisiert sich auf die Pflege von Vorhängen; bis heute ist der Vorhangservice ein wesentliches Standbein. Mutter Regina Posch ist viele Jahre lang in der Büroleitung aktiv. „Heute unterstützt sie uns mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen über Kunden und Abläufe aus der Pension heraus.“ Stefan Posch tritt 2011 die Nachfolge an. Er initiiert den Neubau der Hauptzentrale in Wien sowie die nötigen Investitionen, um zeitgemäß, ökonomisch und ökologisch zu waschen, zu reinigen und zu färben. Seine Schwester setzt den Erfolgskurs fort, der auf Werten wie Verlässlichkeit, Qualität und persönlicher Betreuung beruht. Moderne Technik, effiziente Prozesse und nachhaltige Lösungen seien dafür unverzichtbar. Gleichzeitig brauche es Menschen, die diese Technik mit Fachwissen, Erfahrung und Engagement nutzen, und nicht zuletzt ausreichend Humor im Arbeitsalltag.
„Natürlich nehmen wir unsere Herausforderungen sehr ernst, was nicht bedeutet, dass man nicht gemeinsam lachen darf“, sagt die Chefin. So manches lasse sich mit einem Lächeln leichter bewältigen. Angela Posch würdigt die Kompetenz ihrer Mitarbeitenden. „Es macht mich stolz, wenn uns die Kunden – ob Hotel, Restaurant, Sportverein, Zirkusbetrieb oder Privatperson – mit anspruchsvollen Reinigungsaufgaben beauftragen und wir Lösungen finden“, sagt sie. Spannend und attraktiv müsse die Arbeit in Zeiten des Fachkräftemangels vor allem für das Team sein. Damit das so bleibt, geht sie ihre Verantwortung im Personalmanagement mit großer Sorgfalt an.