Von der Plätterei zum Klinikversorger 100 Jahre Firmengeschichte: Großwäscherei Voss

Ein hohes Maß an intrinsischer Motivation ist eine ihrer gemeinsamen Stärken und eine ideale Voraussetzung, um unternehmerisch an einem Strang zu ziehen. Melanie Voss-Franke und Miriam Paul bündeln ihre Kräfte, als Schwestern und Geschäftsführerinnen der Großwäscherei Voss. Gemeinsam pflegen sie Werte und feiern eine 100-jährige Firmengeschichte von der Plätterei zum Spitzenbetrieb im Textilservice.

Seit über 30 Jahren bilden sie die erfolgreiche Doppelspitze in dem Familienunternehmen mit 100-jähriger Tradition: Melanie Voss-Franke (li.) und Miriam Paul.
Seit über 30 Jahren bilden sie die erfolgreiche Doppelspitze in dem Familienunternehmen mit 100-jähriger Tradition: Melanie Voss-Franke (li.) und Miriam Paul. - © Großwäscherei Voss

Die Chefinnen der Großwäscherei Voss GmbH in Wuppertal-Ronsdorf teilen sich die Verantwortung für 450 Mitarbeitende aus 47 Nationen, die täglich die textile Versorgung von Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen sicherstellen. Die inzwischen 100-jährige Firmenchronik des Familienbetriebs belegt unter anderem die Tradition erfolgreicher Unternehmerinnen im Wäschereigeschäft.

Den Anfang macht Adele Voss, geb. Heller, im Jahr 1915. Die gelernte Wäscherin ist die treibende Kraft hinter der Gründung der Plätterei Voss in der Rheinstraße 55 in Wuppertal. Sie bringt das Fachwissen mit. Ihr Ehemann Richard Voss kennt sich als ehemaliger Bankbeamter mit Buchhaltung aus. Als Team stemmen die Urgroßeltern von Melanie Voss-Franke und Miriam Paul ihr Business und die schwere Arbeit. So beginnt eine Unternehmensgeschichte mit ungeahnten Krisen, die von den folgenden Generationen weitergeschrieben wird.

Das Wäschereigeschäft lieben und leben

Nur einige Jahre nach der Gründung muss Adele Voss den Weg allein weitergehen. Ihr Mann Richard stirbt im Alter von 30 Jahren an Herzversagen. Unterstützt wird die Urgroßmutter nun von ihren minderjährigen Söhnen Günter und Rolf in dem Betrieb, den sie liebt und lebt. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1955 vergeht kein Tag, an dem sie nicht an der Weiterentwicklung des Familienbetriebes Anteil nimmt. Es ist auch Adele Voss, die im Jahr 1936 dafür sorgt, dass der Betrieb in die Handwerksrolle eingetragen wird. Ihr Sohn Günter, inzwischen Wäscher und Plätter, legt die dafür erforderliche Meisterprüfung ab. Seine Ehefrau Anni Voss, geb. Kniese, arbeitet seit 1933 im Familienbetrieb mit. Das Geschäft floriert. Ende der 1930er Jahre betreibt die Wäscherei Voss 25 Annahmestellen in und um Wuppertal.

Die Kriegsjahre von 1939 bis 1945 fordern ihren Tribut. Adele Voss verliert ihren Sohn Rolf. Ihr Sohn Günter kommt aus der Kriegsgefangenschaft zurück und nimmt die Arbeit in der seit 1940 ruhenden Wäscherei wieder auf. In den ersten Nachkriegsjahren braucht allerdings kaum jemand einen Wäscherei- oder Bügelservice. Günter und Anni Voss bleiben beharrlich. Mit viel Fleiß und Zuversicht überstehen sie schwierige Zeiten und Probleme wie häufigen Wassermangel, der im Jahr 1951 zur Zerstörung eines ihrer beiden Dampfkessel führt.

Vom Wiederaufbau zur Großwäscherei

Aufgeben ist keine Option. So kann das Ehepaar schließlich einen Neubau auf einem eigenen Grundstück in der Rheinstraße 54-56 realisieren. Günter und Anni Voss investieren viel Zeit und Kraft und nach und nach auch in neue Maschinen. Gleichzeitig ziehen sie Tochter Christa und Sohn Rolf-Peter groß, der sich später dazu entschließt, in die elterlichen Fußstapfen zu treten. Er veranlasst den Eintrag als Großbetrieb beim Gewerbeamt rückwirkend zum 1. Januar 1949; der wirtschaftliche Durchbruch gelingt ihm in den 1960er Jahren. Mit neuester Technik wird der Betrieb zur vollautomatisierten Großwäscherei.

Als Rolf-Peter Voss und Mildred Ertz im Jahr 1967 heiraten, setzen auch sie gemeinsam die Familientradition fort. Und auch sie geben die Leidenschaft für das Wäschereigeschäft an ihre Töchter Melanie und Miriam weiter. Beide steigen 1998 in die Geschäftsführung ein, an der Seite ihres Vaters. Das Unternehmen ist zu diesem Zeitpunkt bereits zertifizierter Spezialbetrieb für die Versorgung von Krankenhäusern und Kliniken mit OP-Wäsche und Dienstkleidung.

„Wir verstehen und sichern verantwortungsvolle Abläufe im Gesundheitswesen“, erklärt die Großwäscherei Voss GmbH heute auf ihrer Website, mit der sie sich als modernes, multikulturelles und ökologisch verantwortungsbewusstes Unternehmen präsentiert. Dahinter stehen Melanie Voss-Franke und Miriam Paul mit dem starken Willen, Familientradition und Erfolg fortzuführen – krisentauglich und ambitioniert.

Mehr als saubere Wäsche: Die Großwäscherei Voss ist Lieferant und Logistikpartner im Gesundheitswesen, der just in time die benötigten Textilien an den richtigen Ort liefert.
Mehr als saubere Wäsche: Die Großwäscherei Voss ist Lieferant und Logistikpartner im Gesundheitswesen, der just in time die benötigten Textilien an den richtigen Ort liefert. - © Großwäscherei Voss

Mit motivierter Mannschaft durch die Krise

„Krisen haben uns gelehrt, wie wichtig eine gute motivierte Mannschaft ist, ohne die alle Bemühungen ums Überleben umsonst gewesen wären“, betonen sie. „Sie haben uns ebenfalls gelehrt, deutlich bestimmter im Hinblick auf notwendige Preisanpassungen zu sein.“ Man könne eben nicht alle Kostensteigerungen im Sinne der Kunden kompensieren, so die Geschäftsführerinnen, die sich ebenfalls bestens mit Zahlen auskennen.

Nach dem Abitur machen beide eine klassische Banklehre. Anschließend studieren sie Wirtschaftswissenschaften. Miriam Paul absolviert zudem die Ausbildung zur Textilreinigermeisterin, was sie dafür prädestiniert, die Verantwortung für die Produktionsprozesse und die Logistik zu übernehmen. Ihre Schwester Melanie Voss-Franke verantwortet die Bereiche Kundenansprache, Vertrieb und Verwaltung. Als eingespieltes Team setzen sie seit fast 30 Jahren den Expansionskurs der Großwäscherei fort.

Die Motivation, selbst schwerste Krisen zu überstehen, liegt in der Familie. Im Jahr 2007 wird die gesamte Wäscherei durch einen Großbrand zerstört; verantwortlich sind jugendliche Brandstifter. Miriam Paul und ihr Vater, die in der Nachbarschaft wohnen, müssen zusehen, wie ihr Betrieb vollständig niederbrennt. Der Großbrand macht die Umsiedlung der Produktion an einen rasch angekauften Standort erforderlich, die heutigen Heimat der Zentralverwaltung in der Gasstraße 26-30 in Wuppertal-­Ronsdorf.

Wie so viele Betriebe im Textilservice steht auch die Großwäscherei Voss während der Pandemie vor ungeahnten Problemen. Melanie Voss-Franke und Miriam Paul finden Lösungen, wie immer gemeinsam, mit Blick auf die Zukunft und den Erhalt des Familienbetriebs vor Augen. Denn für Miriam Paul steht schon als Kind fest, in der Branche zu bleiben und den Familienbetrieb mitzugestalten. „Dieser Weg war für mich von Anfang an klar. Bis heute bereue ich diese Entscheidung nicht“, betont sie. Ihre Schwester ist sich anfangs nicht so sicher. „Bei mir waren erst einmal einige Erkenntnisse erforderlich, durch Studentenjobs und maßgeblich in meiner Diplomandenzeit bei der Firma Vorwerk, um diesen Weg einzuschlagen“, sagt Voss-Franke.

Von der Plätterei zur Großwäscherei: Täglich sichern rund 450 Mitarbeitende aus über 47 Nationen die textile Versorgung in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen.
Von der Plätterei zur Großwäscherei: Täglich sichern rund 450 Mitarbeitende aus über 47 Nationen die textile Versorgung in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen. - © Großwäscherei Voss

Spezialist für die textile Vollversorgung

Seit fast drei Jahrzehnten bilden sie die Doppelspitze des Familienunternehmens. „Wir sind Dienstleister für das Gesundheitswesen und bieten einen Vollservice für Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen an. Dabei stehen wir unseren Kunden in allen fachlichen und wirtschaftlichen Fragen beratend zur Seite, was unsere vielen jahrzehntelangen Kundenbeziehungen bestätigen. Als Sitex Systempartner sind wir darüber hinaus in der Lage, neben dem Know-how-Transfer bundesweite Aufträge gemeinsam mit der Gruppe abzuwickeln. Im Havariefall können wir uns gegenseitig unterstützen. Neben unseren Standorten in Wuppertal unterhalten wir ein Lager an unserem abgebrannten Standort in der Rheinstraße in Elberfeld sowie eine Ein-Drittel-Beteiligung am Sitex-Standort Weisstex in Miltenberg“, erklären die Voss-Geschäftsführerinnen.

Bereits 1998 standen sie mit dem Einstieg in die sogenannte textile Vollversorgung von Krankenhäusern vor neuen Herausforderungen. „Nun waren wir gefordert, Mietwäsche vorkommissioniert bis auf die Stationen zu liefern und sämtliche Berufsgruppen im Krankenhaus mit Dienstkleidung auszustatten, zunächst trägerbezogen, später größenbezogen unter Einsatz von automatischen Kleiderausgabesystemen. Der Einsatz der Chip-Technologie hat das überhaupt erst möglich gemacht. So konnten wir, unter anderem durch die Kooperation mit der Sitex GmbH auch europaweite Ausschreibungen von Großkunden und Partnern wie der Sana Kliniken AG und der Helios Kliniken GmbH gewinnen.“

Werte, die Perspektiven schaffen

Die Themen Fachkräftemangel und Personalmanagement beschäftigen sie wie alle anderen Unternehmen der Branche. Nachwuchskräfte für die Textilreinigung fehlen. „Aktuell bilden wir Mechatroniker aus, in der Hoffnung, diese langfristig an unser Unternehmen zu binden. Bis vor einigen Jahren hatten wir auch Auszubildende für die Textilreinigung“, erklärt Miriam Paul. Leider habe dieser Beruf nicht mehr den Stellenwert wie früher.

Die trotz der Herausforderungen nach wie vor hochmotivierten Unternehmerinnen orientieren sich an den zu erwartenden Anforderungen des Markts. Gemeinsam leiten sie die notwendigen Schritte im Hinblick auf KI und Robotik ein und schaffen so die Grundlage, den Betrieb in die nächste Generation zu führen. Ob ihre Kinder Kilian Franke und Emilia Paul ihre Vision weiterleben werden? „Aktuell sind sie noch zu jung, um diese Entscheidung nachhaltig treffen zu können. Sie hätten beide das Zeug dazu und wir würden uns freuen. Der Wille muss eben vorhanden sein. Wir werden sehen“, sagen die Schwestern.