2017 stand die Familie Mieliss vor der Entscheidung: aufhören oder neu anfangen. Tina Mieliss und ihr Mann Steffen Merk entschieden sich für den Neustart. Heute versorgt der Familienbetrieb mehr als 250 Hotel- und Gastronomiekunden in Norddeutschland mit Mietwäsche. Wie aus einer klassischen Textilreinigung ein Mietwäsche-Spezialist wurde.
Der Weg der Wäscherei Mieliss begann mit einer Frage, die viele Familienbetriebe kennen: Reicht es, Bewährtes fortzuführen, oder braucht es den Mut, alles zu verändern? Eigentlich hatten Tina Mieliss und Steffen Merk längst einen ganz anderen beruflichen Weg eingeschlagen. Sie arbeitete als Bankkauffrau, er war gelernter Restaurantfachmann und später Soldat. Merk wollte sogar zur Bundeswehr zurückkehren. Dass beide einmal gemeinsam einen Wäschereibetrieb führen würden, hätte sie damals nicht gedacht.
Dann stand die Familie vor einer Entscheidung. Die Eltern von Tina Mieliss, Kai und Svenja Mieliss, betrieben in Heide eine klassische Textilreinigung. Doch der Betrieb wurde zu groß. Vier eigene Ladengeschäfte und mehr als 30 Annahmestellen in ganz Schleswig-Holstein gehörten dazu. Die bisherigen Strukturen stießen an ihre Grenzen. Eine Nachfolge war nicht in Sicht. Den Eltern wurde klar, dass es langfristig so nicht weitergehen konnte. Entweder sie hörten auf, oder die nächste Generation stieg mit ein. Tina Mieliss und ihr Mann entschieden sich für Letzteres. Allerdings mit einer klaren Bedingung: Wenn sie den Betrieb übernähmen, dann sollte er nicht einfach weiterlaufen wie bisher.

Radikaler Kurswechsel
Die klassische Textilreinigung sahen beide langfristig nicht mehr als zukunftsfähig. Sinkende Nachfrage, hoher organisatorischer Aufwand, verändertes Konsumverhalten und Personalmangel machten dem Geschäftsmodell zunehmend zu schaffen. „Textilreinigung war einfach nicht mehr so gefragt“, sagt Merk. Kunden seien immer weniger bereit gewesen, für die Reinigung eines Kleides oder Anzugs einen entsprechenden Preis zu bezahlen.
Bereits 2016 und 2017 gewann deshalb ein anderes Geschäft an Bedeutung: das Waschen von Hotel- und Apartmentwäsche. Mieliss begann zunächst in kleinem Umfang, entsprechende Aufträge zu bearbeiten. 2017 entschied sich die Familie, die klassische Textilreinigung aufzugeben und und sich auf Mietwäsche für Hotels und Gastronomie zu spezialisieren. „Wenn wir es machen, dann richtig. Wir wollten das nicht mit Halbwissen angehen“, erinnert sich Merk. Tina Mieliss absolvierte zunächst die Ausbildung zur Textilreinigerin und legte anschließend die Meisterprüfung ab. Auch Steffen Merk besuchte die Meisterschule.
Die fachliche Qualifikation war dabei nur ein Teil des Neustarts. Gemeinsam investierte die Familie rund 7,5 Millionen Euro in den Neubau der Wäscherei in Hemmingstedt und die Erweiterung im Jahr 2025. Hinzu kamen Investitionen in die Mietwäsche. „Wir sind damals ins kalte Wasser gesprungen“, sagt Merk rückblickend. „Maschinen, Prozesse, Kapazitäten, Logistik – von Wäscherei hatten wir alle keine Ahnung.“ Die Familie tauschte sich mit Herstellern aus, besichtigte andere Wäschereien, besuchte Seminare und nutzte jede Gelegenheit, von erfahrenen Kollegen zu lernen. „2017/18 war eine wilde Zeit“, beschreibt Steffen Merk die Anfangsphase. Das Privatleben rückte zeitweise weit in den Hintergrund.


Veränderung in der Firmen-DNA
Ins kalte Wasser zu springen, hat bei Mieliss fast schon Tradition. Bereits 1963 setzte Großvater Werner Mieliss alles auf eine Karte. Damals reihten sich an der Spree in Berlin-Köpenick Wäscherei an Wäscherei. Mieliss Edelweiß, wie das Unternehmen damals hieß, gehörte zu den größten des Landes. Berufsbekleidung, Uniformen und Lazarettwäsche liefen durch die Dampfwäscherei.
Dann wurde die Mauer gebaut. Werner Mieliss ließ alles zurück und floh aus Berlin. Er landete in Heide, kaufte dort eine bestehende Textilreinigung und baute sich gemeinsam mit seiner Frau ein neues Leben auf. Fast vier Jahrzehnte führten die beiden den Betrieb, bevor 2005 Sohn Kai und seine Frau Svenja – die Eltern von Tina Mieliss – das Unternehmen übernahmen.
Die Wurzeln des Betriebs reichen noch weiter zurück: bis ins Jahr 1864. Viele Unterlagen gingen während des Ersten Weltkriegs verloren, doch ab 1927 lässt sich die Firmengeschichte wieder lückenlos nachvollziehen.
Entwicklung zum Mietwäsche-Spezialisten
Auch Tina Mieliss und Steffen Merk wagten mit dem Wechsel von der Textilreinigung zur Großwäscherei einen Neuanfang. Dabei entschieden sie sich bewusst gegen einen Mischbetrieb. Mieliss arbeitet ausschließlich mit Miet- beziehungsweise Poolwäsche. Waschaufträge für fremde Hotelwäsche sowie Wäsche aus Pflegeheimen oder dem medizinischen Bereich gehören nicht zum Geschäftsmodell. Von der konsequenten Spezialisierung waren nicht alle überzeugt. Im Meisterkurs sei ihm mehrfach mit Skepsis begegnet worden, erzählt Merk. Mieliss hielt dennoch daran fest.
Heute versorgt das Unternehmen mehr als 300 Kunden in allen norddeutschen Bundesländern sowie den meisten Nord- und Ostseeinseln, darunter Sylt, Amrum, Fehmarn und Rügen. Für die Logistik bedeutet das besondere Herausforderungen: Fähren, Autozüge und Wetterbedingungen müssen bei der Planung berücksichtigt werden.
Zum Kundenkreis gehören Hotels, Ferienwohnungen, Ferienparks und die Eventgastronomie. Auch Großveranstaltungen wie das Wacken Open Air oder das Deichbrandfestival beliefert das Unternehmen mit Wäsche. Das Sortiment reicht von Bettwäsche und Frotteewaren bis zu Spa- und Restaurantwäsche. Was Mieliss nicht selbst bearbeitet, organisieren Partnerbetriebe, wie etwa Arbeitskleidung. Das Unternehmen versteht sich dabei als Full-Service-Anbieter: Es beschafft, vermietet, liefert und wäscht Textilien. Die Wäscherei bearbeitet täglich bis zu 15 Tonnen Wäsche im Einschicht-Betrieb. Ohne Qualitätsverlust lasse sich die Leistung auf maximal 20 Tonnen pro Tag steigern, erklärt Merk.

2025 kam ein Erweiterungsbau hinzu. Damit ist der Standort in Hemmingstedt inzwischen vollständig ausgereizt. Bei der Grundstücksfläche musste die Familie bereits kreativ werden. Um die zulässige Bebauungsfläche einzuhalten, kaufte sie einen Naturschutzwall hinzu und gliederte ihn in das eigene Flurstück ein. Für eine weitere Expansion fehlt der Platz. Langfristig könnte deshalb ein neuer Standort folgen. Die Familie hat bereits ein Vorkaufsrecht für ein rund zwei Hektar großes Baugrundstück. Eilig ist es damit aber nicht. „Das ist alles etwas für die siebte Generation, wenn unsere Tochter später mal mit einsteigen möchte“, sagt Merk.
Qualität statt Waschleistung um jeden Preis
Für Merk zählt nicht, möglichst viel Wäsche durch die Anlage zu schleusen. Entscheidend sind für ihn Qualität, Zuverlässigkeit und Service. Wenn ein Kunde anruft, geht kein Anrufbeantworter ran. Gibt es irgendwo einen Wäscheengpass, versucht das Team, eine Lösung zu finden – unabhängig davon, wo der Kunde sitzt. Für Merk gibt es eine Grenze, ab der die Qualität leidet.
Mit dieser Haltung positionierte sich Mieliss bewusst in einem Markt, in dem Kunden nach Einschätzung von Merk zunehmend genug von niedrigen Preisen auf Kosten von Qualität und Service hätten. „Günstig kann jeder, Qualität und Service nicht“, sagt er. Darin sieht er einen Grund für das gesunde Wachstum und den hohen Marktanteil des Unternehmens. „Wäsche ist nicht immer gleich Wäsche“, sagt Merk. Gerade ein mittelständischer Familienbetrieb könne individueller auf Kunden eingehen als große Konzerne, bei denen Prozesse stärker standardisiert seien.
Automatisierung spiele trotzdem eine wichtige Rolle. Alle drei Mangeln arbeiten automatisch, auch die übrigen Produktionsprozesse sind weitgehend automatisiert. Vier automatische Frotteefalter sind bereits im Einsatz. Eine Roboteranlage, die Frotteeartikel selbstständig in die Faltmaschinen einlegt, ist geplant. Trotzdem setzt Mieliss an einigen Stellen bewusst auf den Menschen als Qualitätsinstanz. Denn nicht jede Entscheidung lässt sich zuverlässig automatisieren. Ein Beispiel: Ein Roboter erkennt nicht immer, ob das Etikett eines Handtuchs beim Falten innen oder außen liegt. Für den Gast mag das eine Kleinigkeit sein. Für Mieliss gehört auch sie zum Qualitätsanspruch.

Menschen bleiben entscheidend
Trotz des hohen Automatisierungsgrads bleibt der Mensch ein wichtiger Bestandteil der Produktion. Deshalb investiert Mieliss regelmäßig in Weiterbildung und zahlt nach eigenen Angaben seit Jahren über dem Mindestlohn. Bei der Personalsuche steht das Unternehmen nach eigener Einschätzung vergleichsweise gut da. Für die Produktion finden sie bislang ausreichend Mitarbeitende – darunter Studierende und Quereinsteiger. Auch die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter und der Ausländerbehörde trage dazu bei.
Kritischer sieht Merk die Ausbildung in der Branche. Die Ausbildungsinhalte seien noch stark auf die klassische Textilreinigung ausgerichtet, während moderne Wäschereien andere Anforderungen an ihre Mitarbeitenden stellten. Hinzu kämen das wenig attraktive Image des Berufs und die Ausbildungsvergütung.
Gleichzeitig fehle es der Branche insgesamt an Sichtbarkeit. Die meisten Menschen sähen im Hotel das frisch bezogene Bett, das saubere Handtuch oder den Bademantel im Spa. Wer diese Textilien wasche, darüber machten sich nur wenige Gedanken. Dabei sind Wäschereien ein wichtiger Teil der touristischen Infrastruktur. „Wir sind so etwas wie Hidden Champions“, sagt Merk.
Bleibt die Frage, ob es das Risiko wert war. Merk denkt an die Herausforderungen und Ängste der Anfangszeit, dann an die ersten beiden großen Hotels, auf die die Familie damals mächtig stolz war. Und an die eigene Fahrzeugflotte, die heute in die großen Tourismusorte im Norden Deutschlands fährt – bis hin zu einigen der besten Hotels des Landes. „Wir machen Wäsche, damit die Gäste in ihrem Urlaub glücklich sind“, sagt er und lächelt.