Anna-Siemsen-Schule Von Vietnam und Iran nach Hannover: Internationale Azubis und ihr Weg zur Berufsschule

Die ANNA in Hannover, wie Insider die Anna-Siemsen-Schule liebevoll nennen, ist eine der letzten berufsbildenden Schulen für ­angehende Textilreinigerinnen und Textilreiniger in unserem Land. Hier hat Xuan Viet Dung Nguyen mehr als nur theoretisches Wissen erworben, sein Mitschüler Saeed Nematollahi ist noch mittendrin. Beide verließen ihre Heimat, um in Deutschland Textilreiniger zu werden. Ein Schritt, der Respekt verdient, sagt ihre Lehrerin.

Dung (v. li.) und Saeed sind dankbar für den Support ihrer Fachlehrerinnen Ursula Dreyer und Cornelia Erhardt.
Dung (v. li.) und Saeed sind dankbar für den Support ihrer Fachlehrerinnen Ursula Dreyer und Cornelia Erhardt. - © wort + !dee/Jana Stein

Wir lernen Xuan Viet Dung Nguyen und Saeed Nematollahi in der Anna-Siemsen-Schule in Hannover kennen – begleitet werden wir dabei von Ursula Dreyer. Seit 2014 leitet die Fachlehrerin die Abteilung „Textiltechnik und Bekleidung“. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Cornelia Erhardt gestaltet sie den Unterricht.

„An unserer Schule ist es üblich, dass zwei Klassenlehrerinnen pro Klasse eingesetzt sind“, erklärt sie uns.

Zum Zeitpunkt unseres Interviews sind Dung und Saeed, die wir beim Vornamen nennen dürfen, beide noch Schüler. Sie gehen in dieselbe Klasse, in der alle Jahrgänge gemeinsam beschult werden, eine Folge der geringen Nachfrage nach Ausbildungsplätzen im Textilservice.

„Das flexible System hat sich bewährt“, erklärt Ursula Dreyer. „Die Schülerinnen und Schüler im zweiten oder dritten Lehrjahr helfen den Neuen beim Onboarding.“

So gehöre man schneller dazu, bestätigt Saeed. Er ist im ersten Lehrjahr und wie Dung hochmotiviert nach Deutschland gekommen.

„Sie haben ein Ziel vor Augen und in der Regel Ausbildungsbetriebe, die hinter ihnen stehen.“

Ursula Dreyer, Fachlehrerin die Abteilung „Textiltechnik und Bekleidung“ an der Anna-Siemsen-Schule

Ausbildung zum Textilreiniger: Unterstützung von Schule und Betrieb

„Sie gehören zu den Besten“, sagt ihre Klassenlehrerin, die allen Schülerinnen und Schülern mit größter Wertschätzung begegnet. Sie respektiert deren Lebensgeschichte und kennt die oft schwierige Lebenssituation. Daher gebe es auch für Abbrüche meist nachvollziehbare Gründe. Möglichst jede und jeden mitzunehmen, ist jedoch ihr Anliegen. Saeed und Dung profitieren davon.

Als wir sie im Juni treffen, steht Dung kurz vor der Gesellenprüfung. Er hat sie inzwischen mit Bravour bestanden, woran seine Lehrerin keinerlei Zweifel hatte. Dung habe sich von der ersten Stunde an mit großem Interesse und sehr viel Disziplin eingebracht, eine Erfahrung, die sie mit Schülerinnen und Schülern aus Vietnam und anderen Herkunftsländern wiederholt mache. „Sie haben ein Ziel vor Augen und in der Regel Ausbildungsbetriebe, die hinter ihnen stehen“, sagt sie.

Die Bereitschaft zur Unterstützung seitens der Betriebe sei entscheidend für den gewünschten Erfolg aller Beteiligten.

Es dürfe dabei nicht allein darum gehen, die Lücken im Fachkräftebedarf zu füllen, sondern um das Gelingen von Integration der oftmals noch sehr jungen Menschen.

Weder Saeed (Mitte) noch Dung wussten, wie spannend auch die schulische Aus­bildung zum Textilreiniger sein würde.
Weder Saeed (Mitte) noch Dung wussten, wie spannend auch die schulische Aus­bildung zum Textilreiniger sein würde. - © wort + !dee/Jana Stein

Ausbildung zum Textilreiniger: Lernen so einfach wie möglich machen

Wenn diese potenziellen Nachwuchskräfte nach Deutschland kämen,

  • müssten sie sich völlig neu orientieren,
  • sich in ungewohnten Strukturen zurechtfinden
  • und buchstäblich ein neues Zuhause aufbauen.

„Das schaffen sie nicht allein. Sie müssen sowohl in der Praxis als auch in der Schule sehr viel leisten, um die komplexen Lerninhalte zu verstehen. Daher machen wir das Lernen so einfach wie möglich.“

Hilft KI beim Lernen? Was nicht in der Übersetzungs-App steht

Die Vorstellung, dass die KI das Lernen im Rahmen einer fachspezifischen Ausbildung vereinfache, sei irreführend. Natürlich könne Künstliche Intelligenz helfen, bei der Recherche oder um Sprache zu überprüfen. Das Lernen der Inhalte erübrige sich dadurch nicht.

„Wir lassen noch sehr viel mit der Hand schreiben, damit sich Stoff und Sprache besser einprägen“, erklärt Ursula Dreyer. Umfassende Kenntnisse der deutschen Sprache seien für den Einstieg in die Ausbildung zwar nicht zwingend erforderlich, für die Gesellenprüfung und eine berufliche Karriere jedoch notwendig.

„Damit die Lerninhalte wirklich verstanden werden, sorgen wir im Unterricht für klare Fragestellungen und vermeiden Formulierungen, die meist nur für muttersprachliche Schülerinnen und Schüler verständlich sind. Natürlich wissen alle, was beispielsweise ein Hemd ist, haben aber den Begriff Oberhemd vielleicht noch nie gehört“, erklärt Ursula Dreyer. Dung und Saeed bestätigen dies lachend. Ihnen fielen sicherlich etliche Begriffe ein, die wir in keiner Übersetzungs-App finden würden.

Empathie stärkt das ­Selbstvertrauen

Dung und Saeed sind aufmerksam und aufgeschlossen. Ursula Dreyers Zugewandtheit und Humor schaffen eine Atmosphäre des Vertrauens. So ist ihre ANNA auch für Dung und Saeed mehr als ein Ort, an dem man ihnen Fachwissen vermittelt und sie auf die Prüfung vorbereitet. Hier findet Begegnung statt.

Ursula Dreyer ist nicht nur Abteilungs­leiterin und Klassenlehrerin, sondern auch eine empathische Mentorin.
Ursula Dreyer ist nicht nur Abteilungs­leiterin und Klassenlehrerin, sondern auch eine empathische Mentorin. - © wort + !dee/Jana Stein

„Ich kann in der Schule meine Sprache und mein kulturelles Wissen erweitern“, sagt Saeed. Ein ungeahnter Zugewinn. Dung pflichtet ihm bei. Auch er und seine Mitauszubildenden Linh und Tom, ein junges Paar aus Vietnam, das im selben Ausbildungsbetrieb arbeitet, unterstützen sich gegenseitig. Andere Mitschüler kommen aus Indien, Kolumbien, Albanien, Bulgarien, Indonesien, der Türkei und anderen Ländern.

„Unsere Klasse ist sehr international“, betont Ursula Dreyer. Das sei herausfordernd und gleichzeitig bereichernd. „Wir leben Vielfalt. Das heißt: Akzeptanz, Toleranz, Rücksichtnahme und Respekt. Somit schulen wir auch die Fähigkeit, mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Mentalitäten zusammenzuarbeiten. Die Betriebe unserer Branche, die allesamt sehr viele Menschen unterschiedlicher Nationen und Herkunft beschäftigen, profitieren davon. Wenn Schichtleiter oder Meister die Sprache der Mitarbeitenden sprechen, ist das Gold wert.“

Dungs und Saeeds Deutschkenntnis­se sind hervorragend. Wir sind überrascht, was ihre Lehrerin mit einem Schmunzeln kommentiert. Sie kennt ihre Schüler und bemerkt: „Es sind kluge, junge Männer, die bereit sind, für ihre Karriere zu arbeiten.“ Beide haben in ihren Heimatländern eine Universität besucht. Dung studierte Englisch. „Das hat es erleichtert, Deutsch zu lernen“, verrät der 27-Jährige. Leicht sei die deutsche Sprache nicht, pflichtet ihm Saeed bei. Er ist seit Anfang April 2025 in Deutschland und dank der Unterstützung eines Freundes seines Vaters inzwischen so gut wie zuhause.

Saeed und Dung: Technikaffin und mit beruflicher Vision

Eine wesentliche Gemeinsamkeit der beiden, neben ihrem erstklassigen Benehmen, wie es im Schuldeutsch heißen dürfte, ist ihre berufliche Vision. Beide sind technikaffin, Fächer wie Mathe und Chemie waren nie ein Problem. Beide hatten eine praktische Berufsausbildung mit Zukunftschancen gesucht und der Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.

Saeed war im Internet auf den Beruf „Textilreiniger“ gestoßen und fand spannend, was er darüber las.

Beide hatten keine Vorstellung davon, was sie in Deutschland oder gar im Textilservice erwarten würde. Bis dahin hatten sie vom Beruf Textilreiniger noch nie gehört.

Dung fand seinen Ausbildungsplatz bei der Waschbär GmbH in Mühlhausen

  • über die Website der Handwerkskammer Erfurt,
  • im Rahmen des Nachwuchs- und Fachkräfteprojekts CRAFT im Jahr 2023.
  • Voraussetzung waren gute Deutschkenntnisse, die er bereits in seiner Heimat am Goethe-Institut Hanoi erwarb.

Er überzeugte im Vorstellungsgespräch und später durch eine hohe Leistungsbereitschaft.
Mit seinem Berufsabschluss habe er nun auch die Grundlage geschaffen, Meister zu werden, was Ursula Dreyer unbedingt begrüßt.

Xuan Viet Dung Nguyen (li.) und Saeed Nematollahi sitzen in der in der Anna-Siemsen-Schule in Hannover.
Gemeinsam geht Lernen leichter: Xuan Viet Dung Nguyen (li.) und Saeed
Nematollahi in der Anna-Siemsen-Schule in Hannover. - © wort + !dee/Jana Stein

Dankbar für den Support des Chefs

Dung ist dankbar, nicht zuletzt für die Unterstützung seines Arbeitgebers und Ausbilders Henrik Bier. Sein Chef habe ihn von Anfang an unterstützt, ihm den Einstieg in den Job und das Ankommen erleichtert, was auch für die Eltern eine große Erleichterung gewesen sei.

  • So hatte ihm sein Ausbildungsbetrieb unter anderem das Deutschland-Ticket finanziert
  • und im ersten Lehrjahr die Kosten für die Übernachtungen im Hotel übernommen.

"Die lange Fahrt macht mir nichts aus"

Xuan Viet Dung Nguyen

Der weite Weg zur Berufsschule

Denn, ebenfalls zu unserer Überraschung, ist Dung drei Jahre lang jeden Dienstag, mit Ausnahme der Ferien, bis zu fünf Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu seiner Berufsschule gefahren. Er startete morgens um fünf Uhr in Erfurt. Wenn er nach zweieinhalb Stunden in Hannover ankam, soweit die Bahn mitspielte, stand ihm ein anstrengender Schultag bevor.

„Wer das durchhält, schafft auch die Ausbildung“, sagt Ursula Dreyer anerkennend und aus Erfahrung. Das gelte nun auch für Saeed. Der 22-Jährige ist rund zwei Stunden unterwegs, um die ANNA mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

„Die lange Fahrt macht mir nichts aus“, kommentiert Saeed durchaus überzeugend. Er liebe seine Ausbildung, die er jederzeit weiterempfehlen würde. Im Iran hatte er Luft- und Raumfahrt (Aerospace) studiert, in diesem Bereich jedoch keine Zukunft für sich gesehen. Diese Chance biete ihm nun die Wäscherei- und Reinigungsbranche in Deutschland. Auch er will sich nach der Ausbildung weiterbilden, den Meister machen oder studieren.

Zweifelsfrei nehmen wir diesen Eindruck mit: Dung und Saeed werden ihren Weg gehen, der mit reichlich Ungewissheit in einem fremden Land begann. Heute sind sie glücklich über ihre Entscheidung und dankbar, dass ihr Beruf ihnen so viel bieten kann und überraschend techniklastig ist.

„Ich wusste nicht einmal, dass es Waschstraßen gibt“, sagt Saeed, nach wie vor begeistert. Das habe ihn verblüfft und fasziniert. Er findet es spannend, später einmal selbst Waschprozesse programmieren und Betriebsabläufe gestalten zu können.

Von Detachur bis Rüschenbluse

Während eines Berufspraktikums bei der Fasson Textilpflege in Hildesheim lernte er nun auch die klassische Textilreinigung kennen. Absolut interessant findet er unter anderem die Lösemittelreinigung, in KWL.

Sein Branchenkollege Dung ist mit den Methoden und Verfahren in der professionellen Textilpflege längst vertraut, ob in der Wäscherei oder Reinigung. Er weiß, dass es für jeden Fleck eine Lösung gibt, und beherrscht die Kunst der Detachur. Und natürlich weiß er, was ein Oberhemd ist, ein Blaumann oder eine Rüschenbluse, die er so oder so erstklassig in Form bringen würde.