Bett- und Kissenbezüge in einem Krankenhaus haben dunkle Punkte und seien „völlig ruiniert“, so die Verantwortlichen, die die Schuld bei der zuständigen Wäscherei suchen. Ein Gutachten zeigt: Es handelt sich um Pillingbildung, die in der Gewebekonstruktion begründet liegt.
3 Es ist mal wieder soweit: Die Zertifizierung im Krankenhaus steht vor der Tür. Diesmal nehmen die Zertifizierer besonders die „weichen Faktoren“ wie optisches Erscheinungsbild und Serviceorientierung in den Fokus. Auf den Stationen herrscht Hochbetrieb. Es sind noch einige kleinere Mängel zu beseitigen. Bei dieser Gelegenheit wird auch die Bettwäsche für die Patientenbetten in Augenschein genommen. Das Ergebnis: Die Wäsche ist völlig ruiniert. Überall finden sich dunkle Punkte. Die gesamte Wäsche muss ersetzt werden. Möglichst noch in der gleichen Woche!
Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass lediglich die Bett- und Kissenbezüge betroffen sind, die Laken sind in Ordnung. Sofort wird die Wäscherei einbestellt. Schließlich soll sie die Kosten für die ruinierte Wäsche übernehmen. Die Wäscherei, mit der Schädigung konfrontiert, möchte sich anhand eines Gutachtens ihre korrekte Arbeit bestätigen lassen oder andernfalls wissen, welcher Bearbeitungsfehler ihr anzulasten sei.
Schadensbild
3 Bei der Bettwäsche handelt es sich um Ware, die ohne Material- und Pflegekennzeichnung vorliegt. Im Zuge der Durchmusterung zeigt sich, dass es sich bei den schwarzen Punkten um Pillingbildung handelt. Sowohl Kissen- als auch Bettbezug haben die Öffnung nicht entlang der Kante, die Ober- und Unterseite trennt, sondern sie befinden sich komplett auf einer Seite der Bezüge. Da die Seite auf dem sich die Öffnung befindet aus optischen Gründen stets als Unterseite angesehen und entsprechend verwendet wird, kann diese Tatsache wichtige Hinweise geben. Beim Kissenbezug beschränkt sich die Pillingbildung auf die Oberseite des Kissens. Der Schwerpunkt dieser optischen Beeinträchtigung ist im mittleren Bereich zu finden. Beim Bettbezug gibt es auf der Innenseite in der Nähe des Verschlusses einen Schwerpunkt der Pillingbildung und an der gegenüberliegenden Kante des Bettbezuges. Darüberhinaus ist die ganze Innenseite leicht mit Pillingen versehen. Auf der Oberseite findet man die Pillinge ausschließlich im mittleren Bereich der der Verschlussseite gegenüberliegenden Kante. Zu den Ecken nimmt die Zahl der Pillinge deutlich ab.
Schadensursache
3 Aufgrund des Schadensbildes lassen sich bereits erste Rückschlüsse ziehen. Die Pillingbildung hat offenbar zumindest teilweise gebrauchsbedingte Ursachen. Aufgrund der Konfektionierung der Bezüge werden diese immer an den gleichen Stellen beansprucht. Der Kissenbezug immer an der Oberseite, der Bettbezug an der Unterseite durch den Kontakt mit den Füßen der Patienten und im Bereich des Halses sowohl auf der Innen- als auch auf der Oberseite. Durch die immer wiederkehrenden Bewegungen während des Gebrauchs entsteht der Effekt, dass sich Faserenden aus dem Gewebe herausarbeiten. Vor allem die Synthetikfasern weisen dabei eine solche Stabilität auf, dass sie sich nicht ablösen, wie dies bei Naturfasermaterial geschehen würde, sondern relativ fest mit dem Gewebe verbunden bleiben. Während des Waschprozesses verfangen sich dann weitere, bereits abgelöste Faserteilchen und bilden die Pillinge.
Wieso erscheinen diese Pills jedoch auf der Gewebeoberfläche als dunkle Punkte? Hierfür kommen ursächlich zwei Möglichkeiten in Frage, die in der Wäscherei zu suchen sind. Einerseits könnte es sich um die Verschleppung von Faserresten aus dunkleren Wäscheposten auf einer Waschstraße oder Waschmaschine handeln, oder darum, dass nicht ausreichend gut filtriertes Brauchwasser zur Bearbeitung dieser hellen Wäsche verwendet wurde. Findet sich im Waschwasser noch ein hoher Anteil an dunklen Faserstücken, können sich diese bei der Wäsche genauso wie die helleren Faserstückchen zu Pillingen eindrehen. Dadurch wird die Pillingbildung, die vielleicht bereits länger vorhanden war, besonders deutlich sichtbar. Bei der Schädigung handelt es sich ausschließlich um eine optische Beeinträchtigung, die durch Abscheren der Pillinge behoben werden kann. Die Ursache der Pillingbildung liegt in der Gewebekonstruktion begründet.
Schadensregulierung
3 Und wie reagieren die Verantwortlichen im Krankenhaus? Unter dem Gesichtspunkt, dass die Wäscherei keine fehlerhafte Bearbeitung durchgeführt hatte, sondern die Pillingbildung durch die Beschaffenheit der Wäsche hervorgerufen wurde, erschien die Wäsche den Verantwortlichen in einem ganz neuen Licht. Bei der als „völlig ruiniert“ reklamierten Bettwäsche handelte es sich nun, nach Kenntnisnahme des Gutachtens, um eine „minimale optische Beeinträchtigung“. Eine Neuanschaffung der Bettwäsche wurde als nicht notwendig erachtet.