Gutachten Unter der Lupe: So arbeiten Sachverständige

Reklamationen kosten Zeit und Geld. Besonders, wenn Streitfälle vor Gericht landen. Im Textilservice drehen sich viele Beschwerden um beschädigte Textilien. In diesem Fall klären Gutachten, was den Schaden verursacht hat. Wer diese Berichte schreibt, wie Sachverständige zu ihrem Amt kommen und wie sie bei ihrer Arbeit vorgehen, erklärt die öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige Birgit Jussen.

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Gutachter nehmen Textilien buchstäblich unter die Lupe. - © butus – stock.adobe.com

Spuren suchen nicht nur Pfadfinder oder die Polizei – sondern auch Gutachter. In der Textilpflegebranche steht in vielen dieser Fälle ein Textil im Mittelpunkt und damit die grundlegende Frage: Wer oder was hat den Schaden verursacht? „Das ist Detektivarbeit“, bestätigt die Sachverstän­dige ­Birgit Jussen. Die Bekleidungsingenieurin schreibt Gutachten für private Auftraggeber und – seit sieben Jahren als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige auch für Gericht.

Die Arbeit vor Gericht ist dabei besonders anspruchsvoll. Gutachter unter­liegen der Schweigepflicht. Das heißt, sie dürfen, ähnlich wie Ärzte, nicht über ihre Arbeit sprechen. Wie bei ­Medizinern hat jeder Gutachter sein Spezialgebiet. Das hängt von der Ausbildung bzw. dem Werdegang der Gutachter ab. Hat ein Gutachter beispielsweise das Handwerk Textilreiniger erlernt, beruft ihn die Handwerkskammer. ­Ingenieure wie Jussen bestellt die Industrie- und Handelskammer.

Beruf bestimmt Sachgebiet

Was schnell erklärt ist, brauchte in der Praxis viel Geduld. „Mein erster Anlauf lief ins Leere“, erinnert sich Jussen. Die IHK fand zu dem Zeitpunkt keine entsprechende Prüfungskommission für ihr Fachgebiet. Jussen absolvierte eine Schneiderausbildung, studierte Bekleidungstechnik, überwachte Textilproduktionen im Ausland vom Entwurf bis zum fertigen Textil, forschte im Institut für Nähtechnik in Aachen, bildete sich im Bereich Textilreinigungen und Wäschereien weiter und erstellte Gutachten.

Gutachten kann nämlich grundsätzlich jeder verfassen, der sich auf einem Gebiet auskennt. Der Begriff an sich ist rechtlich nicht geschützt. Geschützt hingegen ist z. B. die deutsche Berufsbezeichnung „Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige“. Nur wer diesen Titel trägt, hat eine Prüfung abgelegt, muss unparteilich arbeiten, wird regelmäßig überprüft und verfasst Gutachten im Einklang mit der Sachverständigenordnung.

Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf, Gregor Berghausen (li.), vereidigte Birgit Jussen 2017 als Sachverständige.
Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf, Gregor Berghausen (li.), vereidigte Birgit Jussen 2017 als Sachverständige. - © Paul Esser

2017 stellte Jussen den Antrag ­erneut – und wurde zur Prüfung zugelassen. Neben einer schriftlichen Prüfung, die Fachwissen abfragt, gibt es einen mündlichen Test. „Da geht es um die Persönlichkeit“, sagt Jussen. Etwa um die Frage: Wie reagiert der Anwärter ­unter Stress?

Vor Gericht stehen Gutachter oftmals unter Druck. „Es gibt immer eine ­Seite, die nicht so glücklich ist mit dem Ergebnis.“ Beispielsweise bei Schäden im Brautkleid „schwingen bei der Klägerin, also der Braut, natürlich unglaublich viel Emotionen mit“, beschreibt sie. Das dürfe die Beurteilung nicht beeinflussen. Es gilt, sachbezogen zu antworten. Ebenso, wenn Anwälte Angriffe auf die eigene Expertise starten. „Man muss ruhig bleiben und sich auf die Tatsachen beziehen.“ Die juristische Bewertung liege bei Gericht.

Gericht ruft Gutachter an

Doch der Reihe nach: Wie gehen Sachverständige den Tatsachen auf den Grund? Landet ein Streit vor Gericht, der einen Gutachter benötigt, formuliert der Richter die sogenannte Beweisfrage und ­bestimmt einen zuständigen Gutachter. Der muss zuerst grundsätzlich klären: Kann er das Gutachten eigenständig ­lösen? Anders als Forensiker arbeiten Gutachter nicht im Team und dürfen sich nicht mit Kollegen über ihre Fälle austauschen. Sie müssen die Beweisfrage, sprich die konkrete Frage, die den Sachverhalt klärt, selbstständig beantworten.

An dieser Stelle kommen die Sach­gebiete ins Spiel; der Bereich „Textil und Bekleidung“ umfasst allgemein alles – von der Materialkunde über die Herstellung bis zur Reinigung. Bei Jussen lautet der Bestellungstenor „Beurteilung von Erzeugnissen der Textil- und Bekleidungsindustrie“. Er umfasst Textilreinigungsschäden ebenso wie defekte ­Nähte oder die Wertermittlung des Inhalts ­eines verlorenen Koffers. Im Textilreinigerhandwerk gibt es u. a. auch Sachverständige, die sich auf Schäden und Reklamationen im Textilreinigungs- und Wäschereigewerbe spezialisieren.

Sachverständiger für Textilreinigung gesucht?

Bei Reklamationen können Verbraucher öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige des Textilreinigungsgewerbes mit einer Schadensfallbeurteilung beauftragen. Hier finden Sie eine Übersicht der Sachverständigen für das gesamte Spektrum der Textilpflege, sortiert nach Postleitzahlengebieten.

So entsteht ein Gutachten

Zurück zum Ablauf eines Gutachtens: Im ersten Schritt sichtet der Sachverstän­dige also die Akten und prüft, ob der Fall in seiner Expertise liegt oder ob das ­Gericht einen anderen oder einen weiteren Gutachter bestellen muss. Bleibt der Fall bei ihm, beginnt die forensische Arbeit. „Dazu werden erst mal alle Informationen, die vorliegen, infrage gestellt“, beschreibt Jussen das Vorgehen. Das beginne bei einer Reklamation mit der Frage: Liegt der beschriebene Umstand tatsächlich vor?

Das Textil auf dem Prüfstand

Um diese Frage zu klären, werden bei Fällen aus dem Bereich Textilpflege das Textil – ob Anzug, Gardine oder Zelt – buchstäblich unter die Lupe genommen. Je nach Fall greift der Gutachter zu verschiedenen Methoden. Er misst die Größe eines mutmaßlich eingelaufenen Textils mit dem Maßband ab oder nimmt ­Abklatsch- und Saumproben, um Farbübertragungen zu erkennen. Entscheidend bei der Beurteilung ist auch die Nutzung des Textils vor der Pflegebehandlung. Hing eine Gardine jahrelang oder nur kurz an einem Fenster? Kassenbelege geben hierbei Informationen zum Alter des Textils. Soll ein sehr alter Stoff wie neu aussehen, habe der Kläger un­­­­realistische Erwartungen an die Pflege.

Um Zusammenhänge aufzeigen und auswerten zu können, stellen Gutachter bei manchen Fällen auch die Angaben der Textilhersteller infrage: Ist die ­Pflegeempfehlung sachgerecht? Brenn- oder Löslichkeitsproben identifizieren das ­Fasermaterial. Nicht zuletzt kommt die Textilpflege auf den Prüfstand: Stimmen die Angaben zur Pflegebehandlung mit der durchgeführten Pflegemethode überein? Kam beispielsweise Bleich­mittel zum Einsatz? Oder: Wurde das Teil unsachgemäßt getrocknet?

Wie in einem Kriminallabor sammeln Sachverständige Spuren und entwerfen aus den Ergebnissen ein Bild. „Je ­umfangreicher die Informationen, desto zielgerichteter können Gutachter arbeiten“, sagt Jussen. Denn: „Wir Sachverständige müssen den Beweis erbringen, mit was der Schaden zusammenhängt.“ Diese Arbeit sei sehr forensisch, vergleicht sie. Kein Fall sei wie der andere: „Man muss über den Tellerrand schauen. Genau das macht es ja so spannend.“

Wie wird man Sachverständiger und welche Gutachten gibt es?

Wie wird man Sachverständiger?

Interessierte stellen einen Antrag. Zeugnisse, Diplome, Tätigkeitsnachweise oder bereits erstellte Gutachten sowie ­Ver­öffentlichungen belegen die Sachkunde. Nach einer Prüfung schwören sie einen Eid auf Unparteilichkeit, erkennen die Pflichten eines Gutachters und die Schweigepflicht an. Tipp: Anwärter können sich auch beim Deutschen Textilreinigungs-Verband (DTV) melden. Der Verband prüft dann die Eignung.

Welche Arten von Gutachten gibt es?

  • Privatgutachten: Wie der Name sagt, beauftragt eine der involvierten ­Parteien den Sachverständigen und formuliert die Beweisfrage. Das Verfahren lässt sich schnell in die Wege leiten, dessen Aussagekraft gilt häufig als umstritten.
  • Gerichtsgutachten: Beauftragt ein ­Gericht ein Gutachten gilt es als au­s­­sagekräftig. Der Sachverständige erhält Informationen von beiden Parteien und muss Rückfragen allen Beteiligten mitteilen. Das kostet Zeit.