Jahrestagung der Gütezeichengemeinschaft Etikett, KI und Kreislauf: Was die Branche bewegt

Bei hochsommerlichen Temperaturen fand die Jahrestagung der Gütezeichengemeinschaft für Wäscherei und Textilreinigung Österreichs Mitte Juni in Wien statt. Neben Vorträgen zu aktuellen Branchenthemen und fachlichem Austausch rund um die Zukunft der professionellen Textilpflege bot die Veranstaltung den gut 40 ­Teilnehmenden ein musikalisches Abendprogramm mit historischem Stoff und ausreichend Zeit für Socializing.

Bei der Tagung in Wien gab es ausreichend Zeit für persönliche Gespräche ebenso wie für fachlichen Austausch.
Bei der Jahrestagung der Gütezeichengemeinschaft für Wäscherei und Textilreinigung 2026 in Wien gab es ausreichend Zeit für persönliche Gespräche ebenso wie für fachlichen Austausch. - © Jussen

Der Blick in das Programm der Jahrestagung der Gütezeichengemeinschaft für Wäscherei und Textilreinigung Österreichs 2026 machte deutlich, dass die Branche weiterhin mit zahlreichen Herausforderungen und Veränderungen konfrontiert ist: Unklare Angaben auf dem Einnähetikett, der Einsatz künstlicher Intelligenz sowie Anforderungen an Hygiene und Nachhaltigkeit prägen die Entwicklungen in Wäscherei und Textilreinigung.

Tag 1: Textilien kennzeichnen und Tönen lauschen

Nach der offiziellen Begrüßung durch ­Erich Hering in Vertretung für die Obfrau der Gütezeichengemeinschaft, Gabriela Steiner, startete das Vortragsprogramm.

Den fachlichen Einstieg lieferte der Vortrag „Materialangabe vs. Pflegekennzeichnung“ von Birgit Jussen, Bekleidungsingenieurin und öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für die Beurteilung von Erzeugnissen aus der Textil- und Bekleidungsindustrie.

Im Mittelpunkt stand die Fragestellung, warum die reine Materialzusammensetzung eines Textils oftmals keine ausreichende Aussage über dessen tatsächliche Pflegeeigenschaften zulässt.

Materialangabe vs. Pflegekennzeichnung:

Das müssen Textilreiniger wissen

Gut zu wissen: Auf dem Pflegeetikett müssen nicht alle Materialien stehen. - © Tarzhanova, Fotolia.com

Warum lässt die reine Materialzusammensetzung eines Textils oftmals keine ausreichende Aussage über dessen tatsächliche Pflegeeigenschaften zu?

Diese Frage rückte Birgit Jussen, Bekleidungsingenieurin und öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für die Beurteilung von Erzeugnissen aus der Textil- und Bekleidungsindustrie, in den Fokus ihres Vortrags auf der Jahrestagung der Gütezeichengemeinschaft.

Materialangabe ist keine Volldeklaration

Die Anforderungen der europäischen Textilkennzeichnungsverordnung (TextilKVO) an die Angabe der textilen Rohstoffe zeigen laut Jussen, dass ein Textil durchaus weitere Bestandteile enthalten kann, über die keine Informationen gegeben werden müssen, die das Pflegeverhalten jedoch maßgeblich beeinflussen.Jussen betonte, dass die Materialangabe keine Volldeklaration ist.

Das belegte die Expertin anhand mehrerer Paragraphen der EU-Verordnung, etwa der sogenannten 30-%-Regelung. Diese besagt, dass Textilkomponenten, die nicht die Hauptfutterstoffe sind und weniger als 30 % des Gesamtgewichts des Textilerzeugnisses ausmachen, nicht gekennzeichnet werden müssen.

Ähnliches gilt für sichtbare und isolierbare Fasern, mit denen eine rein dekorative Wirkung erzielt werden soll und die nicht mehr als 7 % des Gewichts des Fertigerzeugnisses ausmachen: Sie müssen gemäß der TextilKVO nicht bei der Angabe der Faserzusammensetzung berücksichtigt werden.

Ebenso erhält man keine Angaben über Beschichtungen, da sie nicht aus textilen Fasern bestehen und folglich nicht aufgeführt werden müssen.

Für die Textilpflege spielen diese Bestandteile aber unter Umständen eine wichtige Rolle. Für professionelle Textilreiniger sei es daher elementar, die Pflegeempfehlung des Herstellers zu beachten, riet die Bekleidungsingenieurin.

Pflegeempfehlung muss abgestimmt sein

Die Pflegeempfehlung muss auf das Gesamterzeugnis abgestimmt sein. Das heißt, dass alle textilen und nicht textilen Bestandteile des Erzeugnisses die angegebene Pflegebehandlung mehrfach aushalten können müssen – auch die Bestandteile, die in der Materialangabe keine Erwähnung finden und gegebenenfalls unsichtbar sein können, da sie beispielsweise im innen liegenden Teil verarbeitet sind.

Neue Pflegesymbole

Im April 2024 habe es einige Veränderungen bei den Pflegesymbolen gegeben, erklärte Jussen. Auch wenn dies schon einige Zeit zurückliegt, sind die Änderungen noch nicht überall bekannt:

  1. Es gibt nun ein zusätzliches Symbol für die schonende Handwäsche und
  2. ein Symbol für Bügeln ohne Dampf.
  3. Zudem wurden die Temperatur­bereiche beim Bügeln verändert und
  4. neue Lösemittel in die vorhandenen Symbole der Trockenreinigung inte­griert.
Schonende Handwäsche:Höchsttemperatur: Umgebungstemperatur zwischen 20 und 30 °C.
Das neue Symbol für schonende Handwäsche: Umgebungstemperatur zwischen 20 und 30 °C.
- © Ginetex
Bügeln mit einer Höchsttemperatur der Bügeleisensohle von 120 °C ohne Dampf
Bügeln mit einer Höchsttemperatur der Bügeleisensohle von 120 °C ohne Dampf. - © Ginetex

Tag 1: Ausklang beim Musical "Maria Theresia"

Im Anschluss trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum gemütlichen Essen im Tagungshotel und brachen gut gesättigt zum Abendprogramm auf, das sie zunächst in das traditionsreiche Wiener Theater Ronacher führte, wo „Maria Theresia – Das Musical“ spielte.

Im feinen Zwirn besuchten die Teilnehmenden das Musical Maria Theresia.
Im feinen Zwirn besuchten die Teilnehmenden der Jahrestagung der Gütezeichengemeinschaft für Wäscherei und Textilreinigung 2026 das Musical Maria Theresia. - © Jussen
Infos zum Musical

Maria Theresia war eine Fürstin aus dem Hause Habsburg und von 1740 bis zu ihrem Tod im Jahr 1780 regierende Erzherzogin von Österreich und Königin u. a. von Ungarn und Böhmen. In ihrer Regierungszeit setzte sie tiefgreifende Reformen um: Sie modernisierte die Verwaltung und das Finanzwesen, stärkte das Heer und veränderte den Bildungsbereich mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Jahr 1774 wesentlich.

Der Ausklang des Abends in der Sky Bar mit Blick über die Wiener Innenstadt bot den teilnehmenden Textilreinigerinnen und Textilreinigern Gelegenheit für den persönlichen Austausch und vertiefende Gespräche abseits des offiziellen Programms.

Tag 2: Was beschäftigt die Branche aktuell?

Der zweite Tagungstag stand ganz im Zeichen aktueller Entwicklungen und zukünftiger Herausforderungen.

1. Vortrag: KI als Thema der Zukunft

Der erste Vortrag widmete sich der Künstlichen Intelligenz (KI). Auch wenn der Referent Johann Kandelsdorfer das Thema eher allgemein betrachtete, wurde deutlich, dass KI-Anwendungen zunehmend auch für textile Dienstleistungsunternehmen an Bedeutung gewinnen – sowohl bei administrativen Prozessen als auch bei der Optimierung betrieblicher Abläufe.

Was kann KI für den Textilservice tun?
Was kann KI für den Textilservice tun? - © Gejsi – stock.adobe.com

Durch intelligente Technologien bringt die KI Veränderungen und Chancen, sagte Kandelsdorfer, CFO bei der Salesianer Miettex GmbH. Eine automatisierte Rechnungsverarbeitung spart beispielsweise Zeit und reduziert Fehler bei der Buchhaltung. Zudem kann die Nutzung von Chatbots im Kundenservice Kosten reduzieren und bietet den Vorteil der 24/7-Verfügbarkeit.

Die KI wird die Arbeitswelt mehr und mehr prägen, ist sich Kandelsdorfer sicher. Zahlreiche Jobs werden in der nahen Zukunft durch KI transformiert, aber nicht grundsätzlich eliminiert; zugleich entstehen ganz neue Berufsfelder.

Wichtig sei es, darüber offen zu sprechen. Unternehmen müssen über die Vorteile und Herausforderungen aufklären, um Ängste und Sorgen der Mitarbeiter, beispielsweise vor Jobverlust, auszuräumen.

Nach seiner Einschätzung gebe es keinen Weg mehr um die KI herum, man müsse sich mit ihrem Einsatz beschäftigen, ansonsten falle man über kurz oder lang aus dem System.

Wie das ganz konkret aussehen kann, erläuterte er im nächsten Schritt.

Die Ergebnisse der KI-Nutzung stehen seinen Worten nach in klarer Relation zu der Eingabeaufforderung, die an sie gerichtet wird, um eine bestimmte Reaktion, einen Text oder ein Bild zu erzeugen.

Oder anders gesagt: Der sogenannte Prompt muss präzise und gut formuliert werden, denn davon hängt die Qualität der generierten Ausgabe maßgeblich ab.

Dem Menschen kommt also weiterhin eine wichtige Aufgabe zu. Er muss die KI steuern – und ihr Ergebnis validieren.

Unternehmen sollten laut dem Experten klare KI-Strukturen entwickeln, Schulungen anbieten sowie erforderliche Schutzmaßnahmen implementieren, denn nicht jede Anwendung ist sorgenfrei zu verwenden. Gerade im Umgang mit unternehmenssensiblen Daten ist es wichtig zu wissen, was man wo eingibt.

2. Vortrag: Hygiene – Vorsorge vor Krankheiten
Dr. Arno Sorger weiß: Wer jetzt handelt, ist vor­bereitet.
Dr. Arno Sorger: Vorschriften alleine reichen nicht aus – gute Hygiene braucht Konsequenzen und Schulungen. - © W.H.U./Lorenz Masser

Im Anschluss stand ein Themenfeld auf dem Programm, in dem KI die menschliche Fachkompetenz nicht ersetzen kann: die Hygiene. Insbesondere für gewerbliche Wäschereien mit Kunden aus Gesundheitswesen und Hotellerie ein Thema mit hoher Brisanz.

Dr. Arno Sorger von der Prüf- und Inspektionsstelle für Wasser, Hygiene und Umweltanalytik (W.H.U) in Bischofshofen betonte, dass Hygiene zur Vorbeugung von Krankheiten dient. Sie betrachtet die Gefährdung und nicht die Gefahr, was wiederum die Grundlage für die Hygiene-Leitlinien für die Textilpflege bildet.

Sorger nannte die Hygiene-Leitlinie der ÖGHMP (Österreichische Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin), das Gütezeichen für professionelle Wäschepflege (RAL-GZ 992) sowie die europäische Norm für das Hygienemanagement in Wäschereien EN 14065. Alle Leitlinien sind für den Kunden geschaffen, der hygienisch einwandfreie Wäsche erwartet, ebenso wie für den Textilreiniger, der seine Organisation so anpasst, dass die Anforderungen erfüllt werden. Sie schaffen Vertrauen.

Sorger erläuterte weiter, was Textilhygiene ausmacht, und nannte die möglichen negativen Beeinflussungen durch mikrobiologische, chemische und physikalische Mängel. Beispielsweise

  • wirken sich kontaminierte Textilien ebenso
  • wie Rückstände von Waschhilfsmitteln oder
  • physikalisch veränderte Fasern und
  • Fremdstoffe auf die Textilhygiene aus.

Hygiene und Qualität werden in diesem Zusammenhang häufig verwechselt.

Der elementare Unterschied sei jedoch, so Sorger, dass von mangelhafter Qualität niemand krank wird, von unzureichender Hygiene jedoch schon.

Hygiene im Textilpflegebetrieb geht jedoch über die Textilhygiene hinaus.

Es sei elementar, die Mitarbeiter zu schützen und entsprechende Human­hygiene zu etablieren. Insbesondere ist dabei für Handhygiene zu sorgen, die sich aus sechs Schritten gestaltet. Sorger beschrieb die einzelnen Schritte und merkte an, dass besonders dem Punkt der Reinigung der Fingerkuppen meist zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde, diese aber substanziell sei.

Er erwähnte aber auch, dass Vorschriften alleine nicht ausreichen.

  • Sie müssen Konsequenzen und Maßnahmen nach sich ziehen.
  • Schulungen seien besonders wichtig und
  • Checklisten hilfreich.
3. Vortrag: Recycelte Faserstoffe im Mittelpunkt

Da recycelte Fasern zukünftig eine entscheidende Rolle innerhalb geschlossener textiler Kreislaufsysteme spielen sollen, lag ein weiterer und letzter fachlicher Schwerpunkt auf dem Thema „Recycelte Faserstoffe und ihre Eigenschaften“.

Im Mittelpunkt standen dabei zunächst die Herausforderungen und der Handlungsdruck in der Textilwirtschaft, der sich durch die Forderungen der EU nach einer erhöhten Recyclingfähigkeit und den Wunsch nach überwiegendem Einsatz recycelter Fasern ergibt.

Hürden beim Recycling
Textilrecycling Kreislaufwirtschaft Altkleider Wiederverwendung
© inspiretta - stock.adobe.com

Derzeit stellt die Gestaltung der textilen Produkte noch eine große Hürde für das Faser-zu-Faser-Recycling dar, schilderte Birgit Jussen.

  • Komplexe Materialmischungen,
  • Materialverbünde,
  • textiles Zubehör und
  • Fremdmaterialien ebenso wie
  • Ausrüstungen und
  • Beschichtungen erschweren die Recyclingfähigkeit.

Auch die Sortierung und unzureichende Sammel- und Rücknahmesysteme führen aktuell noch dazu, dass der Anteil des Textilmülls, der durch Faser-zu-Faser-Recycling zu neuen Textilien verarbeitet wird, wesentlich geringer ist, als allgemein vermutet wird.

Er liegt im niedrigen einstelligen Bereich, während die Menge des global erzeugten Textilmülls weiter deutlich nach oben schnellt. Textilrecycling auf industriellem Niveau stecke also eindeutig noch in den Kinderschuhen, prognostiziert werde jedoch eine wesentliche Steigerung in den nächsten fünf Jahren.

Rückgewinnung von Fasern: Drei Verfahren

Neben diversen Projekten zum Textilrecycling stellte Jussen auch Verfahren zur Rückgewinnung von Fasern vor. Man unterscheidet zunächst drei Hauptverfahren:

  1. Eines ist das mechanische Recycling (Reißverfahren), bei dem die Textilien zerkleinert und mechanisch aufgerissen werden, bis sie wieder als Rohfasern vorliegen.
  2. Ein weiteres Verfahrenstellt das chemische Recycling dar, auch Lösungsmittelverfahren genannt. Dabei werden die Faserstoffe (besonders Baumwolle oder Viskose) zunächst chemisch aufgelöst und gefiltert, um Verunreinigungen und Farben zu entfernen. Anschließend wird die ­Lösung durch Spinndüsen gepresst, um neue Endlosfasern zu erzeugen.
  3. Die dritte Möglichkeit bildet die Depolymerisation, ein thermochemisches Recyclingverfahren, bei dem synthetische Fasern wie Polyester in ihre chemischen Grundbausteine (Monomere) zerlegt werden. Aus ihnen wird ein neues Polymer und schließlich wieder Garn hergestellt.

Je nach Faserstoff und Recyclingverfahren weisen die neu gewonnenen Fasern jedoch mehr oder weniger große material­technische Unterschiede zu Primärfasern auf, die Auswirkungen auf den Gebrauch, die Haltbarkeit und das Pflegeverhalten haben können.

Gerade mechanisch recycelte Fasern büßen im Prozess an Länge und Festigkeit ein. Das ist auch der Grund dafür, warum den recycelten Fasern zur Qualitätsverbesserung häufig ein gewisser Anteil an neuen Fasern zugemischt wird.

Gütezeichengemeinschaft: Generalversammlung und Blick in die Zukunft

Den Abschluss der Veranstaltung bildete die Generalversammlung der Gütezeichengemeinschaft, zu der sich die Mitglieder nach dem Mittagessen zurückzogen. Grundsätzliches zur zukünftigen Ausrichtung der Gemeinschaft wurde jedoch bereits im öffentlichen Teil der Veranstaltung erwähnt.

So stehen die Erweiterung der Angebote und Möglichkeiten zur Weiterbildung sowie das gemeinsame Wachstum im Fokus.

Die Gütegemeinschaft versteht sich als Plattform für Kommunikation und Fragen in der Branche, was die Jahrestagung 2026 deutlich zeigte.

Gerade Veranstaltungen wie diese schaffen den notwendigen Rahmen, um Wissen zu bündeln, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Strategien für eine zukunftsfähige Branche zu entwickeln.