Was Unternehmer wissen müssen Normen: Standards setzen – aber richtig

Ob Waschverfahren, Maschinensicherheit oder Hygiene, wer in der Textilpflege arbeitet, kommt an ­Normen nicht vorbei. Doch wie entstehen sie eigentlich? Was unterscheidet sie von Standards? Und wie ­können ­Betriebe beim Erstellen der Regelwerke mitwirken? Antworten auf diese Fragen gab ein Webinar des Deutschen ­Textilreinigungs-Verbands (DTV) und der Initiative Small Business Standards (SBS).

Akten mit der Beschriftung Normen.
Wie funktioniert Normung, welche Regelwerke sind für die Branche relevant und warum lohnt es sich, mitzureden – das zeigte ein Webinar des Deutschen Textilreinigungs-Verbands (DTV) und der Initiative Small Business Standards (SBS). - © Zerbor – stock.adobe.com

Normen können Unternehmern das Leben leichter machen
– oder schwerer.

  • Einerseits reduzieren sie unnötige Vielfalt und schaffen Vertrauen:
    • Einheitliche Schnittstellen zwischen Maschinen, Dosieranlagen und Steuerungssystemen verschiedener Hersteller ermöglichen es Betrieben, ihre Anlagen flexibel zusammenzustellen.
    • Genormte Waschverfahren schaffen reproduzierbare Prozesse und somit nachweisbare Hygiene für Kunden aus Gesundheitswesen und Hotellerie.
  • Andererseits können Normen Innovationen ausbremsen, wenn Vorschriften nicht rechtzeitig aktualisiert werden.
    • Auf der Texcare 2024 stellten Hersteller beispielsweise Verfahren zur Wäschedesinfektion bei 50 °C vor, die Textilien und Umwelt schonen sowie Kosten senken sollen.
    • Solange diese Verfahren jedoch nicht in der RKI-Liste der zulässigen Desinfektionsverfahren stehen, können Betriebe sie für infektionsverdächtige Wäsche nicht rechtssicher anwenden.

Die entscheidende Frage lautet allerdings nicht, ob Normen gut oder schlecht sind, sondern ob sie zu den tatsächlichen Bedürfnissen der Betriebe, ihrer Kunden und der Textilien passen.

Wenn nicht, kommt Normen­arbeit ins Spiel.

Wie entstehen Normen?

Wer Normen beeinflussen will, muss zunächst verstehen, wie sie überhaupt entstehen. Genau darum ging es in einem Webinar, das der Deutsche Textilreinigungs-Verband (DTV), gemeinsam mit Small Business Standards (SBS) und dem EU-Projekt „EDU4Standards“ durchführte.

Kurz erklärt: Unterschied Normen und Standards

Das Verständnis für Normen beginnt bei der Sprache, erklärte Paul Wiegmann, Assistant Professor an der Technischen Universität Eindhoven.

In der Wissenschaft bzw. in der englischen Sprache gibt es nur einen Begriff: „Standard“.
Er dient als Oberbegriff für alle vereinbarten Regeln: formale Normen, Industriestandards sowie De-facto-Standards.

Die deutsche Sprache unterscheidet gezielter – und zwar zwischen Normen und Standards.

Die Begriffe werden zwar im alltäglichen Sprachgebrauch oft synonym verwendet, tatsächlich beschreiben sie jedoch unterschiedliche Entstehungsprozesse:

  1. Normen bezeichnen konkrete Richtlinien oder Regeln, die von einer anerkannten Organisation und deren Gremien in einem öffentlichen, transparenten und konsensbasierten Verfahren erstellt werden. Sie basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, neuster Technik und auf der Erfahrung der teilnehmenden Experten.
  2. Standards sind einheitliche oder vereinheitlichte Lösungen, die von Unternehmen definiert werden und sich am Markt etabliert haben.


In welcher Beziehung stehen Standards und Innovationen zueinander? Dieser Frage widmet sich Paul Wiegmann, Assistant Professor an der TU Eindhoven in seiner Forschung. Zudem ist er Präsident der European Academy for Standardisation (EURAS).
In welcher Beziehung stehen Standards und Innovationen zueinander? Dieser Frage widmet sich Paul Wiegmann, Assistant Professor an der TU Eindhoven in seiner Forschung. Zudem ist er Präsident der European Academy for Standardisation (EURAS). - © TUE
Grundlegend unterscheidet Wiegmann drei Mechanismen, wie Standards (Oberbegriff) entstehen:
  1. Normungsarbeit in Gremien ­(Committee-based standardisation):
    In Normungsgremien setzen sich Experten zusammen und erarbeiten gemeinsam eine Lösung.
    „Die Norm ist ein Kompromiss verschiedener Interessen“, erläutert Wiegmann.

    In Deutschland koordiniert diese Arbeit das Deutsche Institut für Normung (DIN),
    in Europa übernimmt das Europäische Komitee für Normung (CEN) diese Aufgabe und
    im internationalen Kontext gibt es die International Organisation for Standardization (ISO).
  2. Standardisierung über den Markt (Market-based standardisation)
    Unternehmen bringen unterschiedliche Lösungen auf den Markt, die miteinander im Wettbewerb stehen.

    Irgendwann setzt sich eine Lösung durch. Sie wird zum De-facto-Standard, ohne dass dies formal festgeschrieben wurde. „Wie Windows in den 90ern“, verglich Wiegmann.
  3. Gesetzliche Vorgaben ­(Government-based standardisation)
    Der Gesetzgeber schreibt eine bestimmte Lösung verbindlich vor.
    Ein aktuelles Beispiel: Die EU-Vorgabe für einheitliche USB-C-Ladeanschlüsse bei elektronischen Geräten.

In der Praxis überlappen sich diese drei Mechanismen häufig.
Das zeigt etwa der Ladestecker für Elektroautos: Hier spielten

  • Normungsgremien,
  • Marktwettbewerb und schließlich eine
  • Entscheidung der EU-Kommission zusammen.

Der Typ-2-Stecker der Firma Mennekes aus dem Sauerland setzte sich durch. Das belegt laut Wiegmann, dass auch mittelstän­dische Unternehmen Normungsprozesse erfolgreich beeinflussen können, wenn sie die Mechanismen verstehen und strategisch nutzen.

Schumacher Andreas DTV
Andreas Schumacher, DTV-Hauptgeschäfts­führer und Normenexperte. - © DTV

Normen sind freiwillig – aber ...

Grundsätzlich sind Normen freiwillig, erklärte DTV-Geschäftsführer Andreas Schumacher. Niemand ist gezwungen, sie anzuwenden. Es sei denn, es gibt eine gesetzliche Verpflichtung oder eine vertragliche Vereinbarung.

Dennoch entfalten Normen erhebliche Wirkung.

Das hat mehrere Gründe:
  1. Normen werden von anerkannten Experten entwickelt und spiegeln den Stand der Technik wider.
  2. Große Marktakteure sind oft an ihrer Entwicklung beteiligt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich am Markt durchsetzen.
  3. Zudem verlangen Kunden häufig die Einhaltung bestimmter Normen – etwa in Ausschreibungen.
  4. Und bei sogenannten harmonisierten Normen, die mit EU-Richtlinien abgestimmt sind, gilt:
    Wer die Norm einhält, erfüllt automatisch auch die gesetzlichen Anforderungen.

„Wenn man eine harmonisierte Norm anwendet, löst das eine Konformitätsvermutung aus.
Das bedeutet: Der Gesetzgeber geht davon aus, dass man damit auch das Gesetz einhält.“

Andreas Schumacher, DTV-Geschäftsführer

Wer dagegen auf die Anwendung der Norm verzichtet, muss im Streitfall aufwendig nachweisen, dass die gesetz­lichen Vorgaben trotzdem erfüllt sind.

Normen: Wer prüft sie?

Mann mit Lupe.
Normen sind grundsätzlich freiwillig, allerdings fordern viele Ausschreibungen das Einhalten bestimmter Normen. - © Bits and Splits – stock.adobe.com

Ob ein Betrieb die Einhaltung einer Norm selbst prüft oder prüfen lässt, ist grundsätzlich ihm überlassen – Normen sind freiwillig.

  • Zertifizierungen etwa nach ISO 9001 oder DIN EN 14065 sind deshalb keine Pflicht, werden von Kunden aber häufig verlangt;
  • beim RAL-Gütezeichen 992 ist die Fremdüberwachung Bedingung für das Zeichen.
Anders liegt der Fall bei gesetzlich geregelten Produkten.

Bei persönlicher Schutzausrüstung schreibt die PSA-Verordnung das Verfahren je nach Risikokategorie vor:

  • Kategorie I darf der Hersteller selbst bewerten,
  • ab Kategorie II ist eine EU-Baumusterprüfung durch eine notifizierte Stelle erforderlich,
  • bei Kategorie III kommt eine laufende Überwachung hinzu.

Überblick: Wichtige Normen in der Textilpflege

Für die Textilpflegebranche gibt es Normen in nahezu allen betrieblichen Be­reichen. Schumacher gab einen Überblick:

  • Qualitätsmanagementsysteme werden etwa durch die ISO 9001 geregelt,
  • Umweltmanagementsysteme durch die ISO 14001.

Für Wäschereien und Textilreinigungen sind vor allem Normen

  • zur Maschinensicherheit relevant, etwa die DIN EN ISO 8230 für Reinigungsmaschinen oder
  • die DIN EN ISO 10472 für industrielle Wäschereimaschinen.

Normen wie diese können sich aber auch ändern. 2027 tritt eine neue Maschinenverordnung in Kraft. In diesem Zuge muss die Norm DIN EN ISO 10472 mit der neuen Verordnung harmonisiert werden.

In der Praxis bedeutet das: Die Norm wird um zwei Teile erweitert.


Besonders wichtig sind Normen, die Wasch- und ­Reinigungsprozesse be­schreiben.
  • Die ISO 15797 definiert gewerbliche Waschverfahren für die Prüfung von Arbeits-, Berufs- und Schutzbekleidung.
    „Das ist ein genormtes Waschverfahren, bei dem Chemikalien, Dauer und Temperaturen vorgegeben werden“, sagte Schumacher.
  • Für die chemische Reinigung beschreibt die DIN EN ISO 3175 (Teil 1–4) die fachgerechte Pflege und Nassreinigung von Textilien.

Auch für die Kennzeichnung von Textilien gibt es Standards:

  • Die DIN EN ISO 30023 regelt Pflegesymbole für die industrielle Bearbeitung von Arbeits- und Schutzbekleidung,
  • die ISO 3758 beschreibt Pflegesymbole für die Aufbereitung von Textilien (Waschen, Bleichen, Trocknen, Bügeln und professionelle Textilpflege).

Zwei ­Normungswege: RABC und RAL

Besondere Bedeutung haben Hygiene­normen für Textilien aus Krankenhäusern, Pflegeheimen, der Lebensmittelindustrie oder Gastronomie.

  • Die Anforderungen an Krankenhauswäsche sind in der Richtlinie des Robert Koch-­Instituts (RKI) festgelegt. Diese definiert Waschverfahren, Anforderungen an Einrichtung und Maschinen, Personal sowie Transport und Lagerung der Wäsche.
Laut Schumacher gibt es zwei Wege, die RKI-Richtlinie umzusetzen:
  1. Über die DIN EN 14065, eine Hygienemanagement-Norm für Wäschereien, die ein System zur Kontrolle der mikrobiologischen Qualität vorgibt (RABC).
  2. Oder über die RAL-Gütezeichen 992/1 und 992/2 für Krankenhauswäsche, 992/3 für Lebensmittelbetriebe und 992/4 für Pflegeeinrichtungen. Diese Standards wurden von der Gütegemeinschaft Verantwortungsvoller Textilservice e. V. entwickelt und sind ein Beispiel dafür, dass nicht alle Normen vom DIN stammen.


Für Textilien im Operationsbereich gelten zusätzlich

  • die DIN EN 13795 zu Anforderungen an Herstellung und Wiederaufbereitung sowie
  • die DIN EN ISO 13485 zum Qualitätsmanagement bei Medizinprodukten.


PSA: Normenkompendium

Abschließend widmete sich das Webinar der persönlichen Schutzausrüstung. Seit April 2018 gilt europaweit die PSA-Verordnung, die Anforderungen an Schutz­ausrüstung definiert.

Die Schutzausrüstung ist in drei Kategorien unterteilt:

  1. Kategorie I deckt geringfügige Risiken ab,
  2. Kategorie II mittlere Risiken und
  3. Kategorie III schwerwiegende oder irre­versible Gesundheitsschäden.


„Um sicherzustellen, dass man die PSA-Verordnung einhält, braucht man als Hersteller die entsprechenden harmonisierten Normen“, erklärte Schumacher. Für jeden Schutzbereich – etwa Schweißerschutz, Hitzeschutz, Flammschutz, Störlichtbogenschutz, Warnschutz – gibt es spezifische Normen.

Der DTV hat dazu ein Kompendium zur Anwendung der PSA-Normen erstellt.


Drei Fragen: Wo und wie bringen sich Unternehmen ein

  1. Wie bringen sich Unternehmer ein?
    Jeder kann einen Normungsantrag beim DIN stellen. Das Institut entscheidet, in welchem Gremium der Antrag bearbeitet wird.

    In Deutschland arbeiten rund 36.500 Normungsexperten in solchen Gremien mit. Auch Privatpersonen und Unternehmen können sich als Experten bewerben oder Normungsentwürfe über ein Online-Portal kommentieren, bevor diese verabschiedet werden.
  2. An wen wenden sich Unternehmen?
    Die Organisation Small Business Standards (SBS) unterstützt kleine und mittelständische Unternehmen.
    SBS vertritt die Normungsinteressen von KMU auf europäischer Ebene und entsendet rund 70 Experten in europäische Normungsgremien.

    Der DTV ist Mitglied bei SBS und hat sechs Experten als SBS-Vertreter in europäischen Gremien platziert.

    „Wenn Sie Interesse haben, sich zu engagieren, können Sie sich jährlich als SBS-Experte bewerben“, sagte Schumacher.
    Auch eine Teilnahme an deutschen Spiegelgremien, die die Arbeit europäischer Normungsgremien begleiten und kommentieren, ist möglich. Paul Wiegmann verwies zudem auf die Website des EU-Projekts „Edu4­Standards“ und dessen LinkedIn-Gruppe.
  3. Wo gibt es Informationen zu Normen?
    Normen sind über DIN Media erhältlich. Sie vertreibt in Deutschland die DIN-­Normen.

    Seit März 2022 gibt es zudem ein Online-Normenportal speziell für die Textilpflegebranche, das der DTV gemeinsam mit DIN entwickelt hat. Dort sind die 200 wichtigsten Normen der Branche online einsehbar – von Textilien und Maschinen über PSA und Qualitätsmanagement bis hin zu Desinfektionsmitteln.

    Das Portal ist kostenpflichtig, im Vergleich zum Einzelkauf mehrerer Normen aber günstiger.

    Laut Schumacher können auch Maschinen- und Textillieferanten Auskunft zu relevanten Normen geben. Zudem berate der DTV ebenso wie die Berufsgenossenschaft BG ETEM – insbesondere zu Arbeitssicherheitsnormen.