Viele Jahre gab es wenig Reklamationen wegen Blasenbildungen oder Verformungen der Frontfixierung von Sakkos und Blazern. Doch in den letzten Monaten ist hier ein starker Anstieg zu verzeichnen.

In den vielen Jahren meiner Tätigkeit als Sachverständiger treten bestimmte Reklamationsfälle in Intervallen auf, d. h. durch die ständig wechselnde Mode mit unterschiedlichen Fasern, Stoffen und Zuschnitten beginnt ein bestimmter Reklamationstyp langsam, steigert sich dann in den nächsten 2 bis 3 Jahren, um dann wieder zu verschwinden.
Seit einigen Jahren sind beschichtete Wetterjacken beispielsweise nicht mehr modisch und es gibt keine großflächigen Beschädigungen von Beschichtungen. So werden aktuell PVC oder Polyurethan beschichtete Zuschnittteile lediglich als Accessoires verarbeitet.
In der Regel sind Sakkos mit einer Frontfixierung ausgestattet. Dadurch wird die Vorderseite (Ober- und Untertritt) fester und stabiler gemacht, so dass das Sakko „immer in Form“ bleibt.
Blasenbildung der Frontpartie
„Früher“ war der häufigste Reklamationsgrund die bekannte Blasenbildung der Frontpartie. Diesen Reklamationsgrund gibt es zwar immer noch, er tritt aber nur noch vereinzelt auf. Heute gibt es regelrechte Verformungen und Verzüge des Ober- und Untertrittes, es entstehen Wellen im Nahtbereich, die sich kaum mehr ausbügeln lassen und Stoffüberhänge, die so stark sind, dass die Jacke völlig schief wird.
Die „gute alte Blasenbildung“ kann oft durch eine anschließende intensive Bügelarbeit und Appreturspray wieder behoben werden. Wie entsteht diese Blasenbildung? Der Oberstoff ist aus einer Naturfaser und durch Feuchtigkeitsaufnahme tritt eine Quellung des Fasermaterials ein. Sollte Feuchtigkeit im Reinigungsprozess vorhanden sein, entsteht die Blasenbildung. Die Feuchtigkeit stammt entweder aus der Detachur, der Reinigungsflotte oder der an regnerischen oder feuchten Tagen aufgenommenen Feuchtigkeit.
Diese Quellung bedeutet eine Volumenzunahme und der Stoff bewegt sich von der aufgeklebten Fixierung weg und bildet die uns allen bekannten Blasen. Heute gibt es neben dem klassischen Businessanzug, dem Smoking oder dem Frack die sogenannte Anlasskleidung oder Eventbekleidung z. B. für Hochzeiten. Denn auch der Bräutigam trägt für die Hochzeit einen speziellen Hochzeitsanzug, der passend zum Kleid ausgesucht wird.
Reklamationen bei Eventkleidung, Konfektionsanzügen und Atelierware
Die Reklamationen treten oft bei dieser Eventkleidung und bei mittelpreisigen Konfektionsanzügen sowie bei maßgeschneiderter Atelierware verstärkt auf. Während die Blasenbildung oft reparabel ist, sind die heutigen Verformungen irreparabel. Der Grund dafür ist die Verarbeitung anderer Faserarten wie Polyester, Polyamid und Elasthan im Oberstoff. Es werden als Hinterfütterung Maschenwaren eingesetzt und die Arten der Frontfixierungen, d. h. die Art der Verklebung der Materialien, hat sich geändert. So entstehen aktuell immer mehr Schadensfälle.
Grund genug, einmal genauer hinzuschauen. In der Regel sind alle Anzüge als reinigungsbeständig im organischen Lösemittel (P oder F) gekennzeichnet. Zunächst ist das allgemeine Erscheinungsbild des Sakkos sehr wichtig. Wie sieht die Kragenhinterfütterung aus, hat das Futter Verfahrensknitter, liegen die Nähte und Taschenpatten glatt, ist die Rückennaht gerade und das Revers ohne Wellenbildung? Denn das Erscheinungsbild gibt Hinweise, ob nicht möglicherweise doch ein Reinigungsfehler vorliegt.

Ursache zwischen Futter und Oberstoff
Wenn das Erscheinungsbild in Ordnung ist und augenscheinlich der Pflegeprozess sach- und fachgerecht durchgeführt wurde, müssen wir uns die Zwischenlagen des Sakkos ansehen, denn die Ursache liegt zwischen Futter und Oberstoff. Manchmal reicht es ein kleines Stück des Futters zu öffnen.
Um sich jedoch einen ordentlichen Überblick zu verschaffen, ist es erforderlich, das Futter einmal komplett zu öffnen. Ist das „Fenster“ in „das Innere“ groß genug, erscheint der Lagenaufbau der Frontfixierung. Hier sind feste bewegungsunfähige Gewebe und elastische Maschenwaren zu finden, übereinander geklebte Vliese unterschiedlicher Herkunft und pikierte Zuschnittteile. Bei der Betrachtung dieses Sammelsuriums und der Art der Fixierung kommt zwangsläufig die Frage auf, ob all die verarbeiteten Materialien pflegeharmonisch zusammengefügt worden sind.
Mit anderen Worten, jedes Material für sich alleine ist im Neuzustand reinigungsbeständig. Als Sakko verarbeitet ist die Pflegbarkeit des Kleidungsstückes jedoch oft mehr eingeschränkt als das Pflegezeichen erkennen lässt.
Blasenbildungen oder Verformungen: Die Materialien passen nicht zusammen
Das Zusammenspiel der verarbeiteten Materialien passt nicht zusammen und sie haben andere Pflegeeigenschaften als jedes für sich alleine. Denn bei der Einstufung in ein Pflegeverfahren ist es wichtig, dass nicht nur die Materialien für sich betrachtet und auf eine Lösemittelbeständigkeit untersucht werden, sondern das gesamte Kleidungsstück muss auf seine Pflegebeständigkeit betrachtet und bewertet werden.
Wir sprechen von Pflegeharmonie. Es ist Aufgabe des Konfektionärs auf die Pflegeharmonie zu achten und nur zusammenzunähen, was auch zusammen passt. Zur Katastrophe können sich Verarbeitungen von elastischen Materialien im Oberstoff entwickeln, wenn bei der Frontfixierung dann noch eine Maschenware mit einem Gewebe und Elasthananteilen zusammengefügt werden.
Beispielsweise besteht der Oberstoff aus Viskose mit Polyamid und Elasthan, während die Frontfixierung aus Vlies oder einem festen Gewebe besteht. In der Warenschau ist das nicht zu erkennen. Sie sollten aber auf die „Eventbekleidung“ achten und möglicherwiese lieber ein Schon- als ein Normalverfahren wählen.
Arbeiten Sie bitte immer entsprechend der fachlichen Kunst und der Pflegekennzeichnung, experimentieren Sie nicht und führen Sie keine Nassreinigung durch, auch wenn der Oberstoff und das Futter für sich alleine eine wässrige Behandlung möglich machen würden.
Wenn es zu einer Reklamation kommt, geben die öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen des Textilreinigerhandwerks gerne Auskunft oder Sie suchen sich über die Internetseite reinigen-lassen.com eine Untersuchungsstelle oder Sachverständige aus Ihrem Bundesland.
Neblige und feuchte Tage?
Und dann gibt es noch die ganzheitlichen leichten Verfilzungen an den empfindlichen Schurwollanzügen, d. h. der gesamte Oberstoff zeigt eine allgemeine Verfilzung an der Oberfläche. Solche Schadensfälle entstehen, wenn z. B. das Kleidungsstück an feuchten oder regnerischen Tagen mit einem zu hohen Feuchtigkeitsgehalt gereinigt wird. Bitte empfindliche Schurwollartikel, Cashmere, Merino oder Angorawolle nicht gleich von der Theke in die Reinigungsmaschine geben. Dies gilt auch für Textilien, die in einer Filiale oder Annahmestelle angenommen werden, möglicherweise über Nacht im Transportsack im Fahrzeug gelagert wurden. Bitte schauen Sie in der Warenschau an feuchten und regnerischen Tagen noch besser hin.
Blasenbildungen oder Verformungen vermeiden
Arbeiten Sie immer entsprechend der Pflegekennzeichen (das ist die Herstellerempfehlung) und experimentieren Sie nicht, denn Sie wissen nicht,was innen verarbeitet ist. Führen Sie keine Nassreinigung durch, auch wenn im Oberstoff und Futter synthetische Fasern verarbeitet sind und dadurch eine wässrige Behandlungsmethode eventuell möglich ist, denn Sie wissen nicht wie es innen aussieht. Der Hersteller hat meist einen Grund, warum er das Kleidungsstück als nicht waschbar gekennzeichnet hat. Führen sie keine Vordetachur mit wässrigen Produkten durch und achten Sie auf neblige und feuchte Tage.

Zum Autor: Peter Schwarz
Gastautor Peter Schwarz ist bei der Handwerkskammer Dortmund öffentlich bestellter Sachverständiger für das Textilreinigerhandwerk. Hauptberuflich ist Peter Schwarz bei der BÜFA Cleaning GmbH & Co. KG, Oldenburg, beschäftigt.
In einem Interview mit R+WTextilservice erfahren Sie mehr über den Textilpflegeexperten. Dabei erzählt Schwarz auch, was zu seinen Lieblingsjobs zählt, warum er von Anfang an "in Textilien verliebt" war und was es mit dem Credo "Wissen ist Sicherheit!" auf sich hat.