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Offener Brief Energiekrise: IVC fordert mehr Diskussion über Alternativen

Vorurteilsfreie und sachliche Diskussionen zur Überwindung der Energiekrise und Alternativen zu Gas fordert die Industrievereinigung Chemiefaser e.V. in einem offenen Brief an den Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck. Wenn nicht gegengesteuert werde, schätzt der IVC, dass Chemieproduzenten deutsche Standorte schließen und 7.000 Arbeitsplätze wegfallen.

Die Chemiefaserindustrie steht vor einem ähnlichen Problem wie der Textilservice: Gas lässt sich nicht kurzfristig durch alternative Energieformen substituieren. Anlagen müssten umgebaut werden. Das kostet Zeit. Zeit, die Betriebe in der aktuellen Situation nicht haben.

Es müsse in einer kritischen Situation möglich sein, vorurteilsfrei und sachlich alle technisch verfügbaren Optionen von Kernenergie bis alternativer Ostseepipeline, von Fracking bis LNG, von Windkraft bis Solarenergie zu prüfen und deren Eignung unter Abwägung aller Folgen zu bewerten, fordert die Industrievereinigund Chemiefaser e.V. (IVC), ein bundesweiter Verband von Chemiefaserhersteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Offener Brief zur Energiekrise

Hier: Chemiefaserbranche

Sehr geehrter Herr Dr. Habeck,

die gegenwärtige geopolitische Lage Europas stellt uns vor bislang nicht gekannte Herausforderungen.

Die Analyse der aktuellen energetischen Rahmenbedingungen führt uns zu dem Schluss, dass – wenn nicht gegengesteuert wird - bis zum Ende des laufenden Jahres Chemiefaserproduzenten an deutschen Standorten ihre Werkstore endgültig schließen müssen, was mit einem großen Verlust der zurzeit mehr als 7.000 Hightech-Arbeitsplätze verbunden sein wird. Ursächlich dafür sind die infolge der Mangelsituation von Erdgas und Erdöl explodierenden Energie- und Rohstoffkosten sowie massive Engpässe in den Lieferketten. Ob dies zumindest für einige Unternehmen "nur" eine Verlagerung der Kapazitäten in ein anderes, vermutlich nicht europäisches Land bedeutet, können wir heute noch nicht prognostizieren; in der überwiegenden Mehrzahl ist jedoch von Energiekosten getriebenen Insolvenzen auszugehen.

Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass wir als relativ kleiner Industriezweig in Deutschland einer großen Herausforderung gegenüberstehen: die Herstellung unserer Produkte erfordert viel Energie. Die Grundstoffchemie, zu der wir im weiteren Sinne gehören, benötigt mit rund 25 Prozent des Energieverbrauchs den größten Anteil an Erdgas aller Industriezweige.

Auch wenn wir das Wort "Chemie" in unserem Namen tragen und damit auf den ersten Blick viele Vorurteile wecken, trägt die Chemiefaserbranche in Deutschland als Spezialitätenhersteller zur Problemlösung und zur Erreichung der Ziele bei, die die Europäische Kommission unter dem Begriff "Green Deal" zusammengefasst hat. Unsere Mitgliedsunternehmen nutzen dafür nicht nur fossile Rohstoffquellen, sondern ebenso schnell nachwachsende Rohstoffe wie Cellulose oder Milchsäure. Chemiefasern sind essentielle Bestandteile für Atemschutzmasken und Luftfilter. Sie sind als abbaubares chirurgisches Nahtgut unverzichtbar und ermöglichen ertragreichere Ernten in Form von Geotextilien. Leichtbau in Mobilität und Bau ("Textilbeton") ist ohne Chemiefasern nicht realisierbar. In beruflicher Schutzkleidung, in Sicherheitsgurten oder Airbags tragen Chemiefasern dazu bei, hohe Sicherheits- und Gesundheitsstandards zu realisieren und so das Leben von Menschen zu schützen.

In den vergangenen Monaten haben wir als Branche verstärkt in Richtung kurzfristiger Verfügbarkeit alternativer Energieformen als Substitute für Erdgas recherchiert. Unsere Mitgliedsunternehmen haben geprüft, ob beispielsweise die Beteiligung an Windparks oder der verstärkte lokale Ausbau der Solarenergie kurzfristig dazu beitragen könnten, eine Erdgasmangelsituation zu überbrücken. Leider vergeblich. Als einziger kurzfristig realisierbarer Weg bleibt der Umbau der Anlagen von Erdgas- auf Erdölfeuerung, was aber nichts anders bedeutet, als dass einer der zur Herstellung von Chemiefasern benötigte Rohstoff verfeuert wird, um deren Produktion sicher zu stellen – vergleichbar mit einem Bäcker, der Getreide verbrennt, um seinen Ofen betreiben und Brot backen zu können. Die Sicherung der Erdgasversorgung wäre deshalb sinnvoller.

Wie der Internetseite des von Ihnen geführten Bundesministeriums entnommen werden kann, soll die Marktwirtschaft dafür sorgen, "dass Unternehmen innovative Produkte entwickeln, die den Menschen Mehrwert bringen. Der Wettbewerb um die Gunst der Kunden spornt Unternehmen an, ihre Produktionsmittel effizient einzusetzen, eine hohe Qualität von Waren und Dienstleistungen zu erreichen und auch Preissenkungsspielräume an die Verbraucher weiterzugeben. Wer seine Produkte ständig hinterfragt und neue Ideen entwickelt, hat gute Chancen, sich im Qualitätswettbewerb zu behaupten und verbessert dabei die Lebensbedingungen. Auf diese Weise treibt der Wettbewerb Innovationen und Fortschritt voran und steigert die Lebensqualität der Menschen." Diesem können wir uneingeschränkt zustimmen.

Ohne ausreichende Energielieferungen wird es am Wirtschaftsstandort Deutschland künftig jedoch weder neue innovative Produkte noch einen Qualitätswettbewerb geben, in dem sich deutsche Unternehmen behaupten könnten. Vielmehr werden sich die Verarbeiter von Chemiefasern durch den Wegfall deutscher Qualitätsprodukte in Richtung Asien orientieren.

Sollte es zu einem dauerhaften Ausfall russischer Gaslieferungen im zweiten Halbjahr kommen, geht das Prognos-Institut von einem Einbrechen der Wirtschaftsleistung Deutschlands um 12,7 Prozent aus, rechnerisch können bis zu 5,6 Millionen Arbeitsplätze betroffen sein. Dabei sehen wir einen Ausfall der durch die Ostsee führenden und bisher genutzten Erdgaspipeline (aus vorgeschobenen technischen Gründen) nach der geplanten Wartung als durchaus realistisches Szenarium an.

Deshalb sind wir als Chemiefaserbranche davon überzeugt, dass es die äußeren Umstände dringend gebieten, für den vor uns liegenden zu überbrückenden Zeitraum ideologiefrei nach technischen Lösungen zu suchen und diese zu diskutieren. Es muss in dieser kritischen Situation möglich sein, vorurteilsfrei und sachlich alle technisch verfügbaren Optionen von Kernenergie bis alternativer Ostseepipeline, von Fracking bis LNG, von Windkraft bis Solarenergie zu prüfen und deren Eignung unter Abwägung aller Folgen zu bewerten. Dabei muss das eine das andere nicht ausschließen, Lösungen können auch in der Vielfalt liegen. Formale Hinderungsgründe, die einer kurzfristigen Lösungsumsetzung im Wege stehen, sollten krisengerecht mutig und ambitioniert beiseite geräumt werden.

Wir dürfen bei allen Überlegungen und Folgenabschätzungen auch nicht außer Acht lassen, dass nur eine starke Volkswirtschaft in der Lage ist, das Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit anderer Staaten zu unterstützen. Eine Schädigung der eigenen Wirtschaftskraft wäre hier kontraproduktiv.

Somit bitten wir Sie dringend, die Diskussion zu öffnen und mit einem weit gesteckten Rahmen neu anzustoßen.

Wir stehen für jeden Dialog zur Verfügung.

In Erwartung Ihrer Antwort verbleiben wir für heute

mit freundlichen Grüßen

Industrievereinigung Chemiefaser e. V.
Klaus Holz (Vorsitzender der IVC) und Dr. Wilhelm Rauch (Geschäftsführer der IVC)

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