Dialog Textil Bekleidung Protective Wear Days 2026: Gemeinsam für sichere Schutzbekleidung

Über 100 Teilnehmende und mehr als 20 Aussteller kamen in Landsberg am Lech bei Veit zusammen, um ­aktuelle Herausforderungen und Lösungen für moderne Schutzbekleidung zu diskutieren. Im Fokus bei den Protective Wear Days des DTB standen praxisnahe Vorträge, persönlicher Austausch und neue Impulse für die gesamte textile Prozesskette. Wir waren bei der Premiere der Veranstaltung dabei.

Gut gelaunt im Austausch: Die Teilnehmenden des Protective Wear Days bei Veit in Landsberg am Lech.
Gut gelaunt im Austausch: Die Teilnehmenden des Protective Wear Days bei Veit in Landsberg am Lech. - © Peter Schmid

Diese persönliche, familiäre Atmosphäre findet man nicht auf einer Messe“, lautet das Fazit einer Teilnehmerin zur erstmals durchgeführten zweitägigen Kooperationsveranstaltung des Dialog Textil Bekleidung (DTB) und der Veit GmbH in Landsberg am Lech. Es waren zwei intensive und inspirierende Tage voller Fachwissen und praxisnaher Einblicke in den Bereich der Protective Wear – von Schutzausrüstung für Militär und Behörden bis hin zu spezialisierten industriellen Anwendungen. Mit mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie über 20 Ausstellern wurden dabei in kurzen Fachvorträgen textiles Wissen geteilt, Lösungen diskutiert und Netzwerke gestärkt.

Begrüßt wurden die Teilnehmenden von Hausherr und Veit-Geschäftsführer Christopher Veit auch in seiner Funktion als DTB-Vorstandsvorsitzender sowie der DTB-Geschäftsführerin Susanne Paß. „Die Magic für eine gute Zukunft liegt im Zusammenspiel. Neue und veränderte Gefährdungssituationen und eine sich ändernde geopolitische Lage erfordern gerade auch im Bereich der Schutzkleidung – ob bei Bundeswehr, Landespolizei oder Behörden – neue Formate der Wissensvermittlung in der textilen Beschaffungskette. Und dieses Wissen lässt sich über die DTB-Plattform, die Referenten und die Aussteller, die nahezu die gesamte Prozesskette abbilden, wunderbar vermitteln“, sagte Christopher Veit. So freue er sich auf eine spezifische Netzwerkveranstaltung in neuem Format, wo nicht nur Wissen getauscht, sondern Beziehungen aufgebaut werden.

Das Programm bot Themen wie Materialkunde, Qualitätsmanagement, Verarbeitungstechnologien. Supply Chain Management, Zertifizierungen sowie digitale Produktentwicklung mit 3D- und KI-gestützten Ansätzen standen dabei im Fokus. Tatsache ist, dass die Anforderungen an moderne Schutzbekleidung stetig steigen. Sicherheit, Funktionalität, Materialperformance, Passform, Farb­management und Lieferketten müssen zunehmend ganzheitlich gedacht werden. Gleichzeitig eröffnen digitale Technologien neue Möglichkeiten – sei es in der Produktentwicklung, im Ausschreibungsmanagement oder in der Qualitätssicherung.

Christopher Veit begrüßte in Doppelfunktion: Als Hausherr und Veit-Geschäftsführer sowie als DTB-Vorstandsvorsitzender.
Christopher Veit begrüßte in Doppelfunktion: Als Hausherr und Veit-Geschäftsführer sowie als DTB-Vorstandsvorsitzender. - © Peter Schmid

Resilienz in der Lieferkette

Als erster Referent und Keynote-Speaker eröffnete Carsten Schreiter (Mehler Vario System) die Veranstaltung. Für seinen Vortrag zum Thema „Resilienz in der Lieferkette“ hatte er 45 Minuten Zeit, während sich die nachfolgenden Rednerinnen und Redner auf jeweils zehn Minuten beschränken mussten. Schreiter überschrieb seinen Beitrag mit „Defense Ready“ und erläuterte die Sicherstellung der Lieferfähigkeit gerade im Krisenfall. „Wir führen mit unseren Produkten die Ballistik und Textilien zusammen. Jede Naht muss dabei dem höchsten Qualitätsanspruch gerecht werden, denn in Sachen Qualität darf es keine Kompromisse geben. In diesen Bereichen ist der Faktor Mensch das wichtigste Feld.“

Um ein Worst-Case-Szenario zu simulieren, das jedes Unternehmen einmal durchspielen sollte, setzt Mehler auf digitale Frühwarn- und Steuerungssysteme und verwaltet ein Echtzeit-Monitoring von Beständen und Lieferzeiten. Dazu werden auch Lieferantenausfälle und Reaktionen darauf simuliert. Dies alles auch vor dem Hintergrund geopolitischer Risiken oder eventueller Cyber-Angriffe.

Um flexible und skalierbare Produktionsprozesse zu sichern, setze das Unternehmen auf Mehrzweck-Produktionslinien sowie qualifizierte und auditierte Lohnfertiger. Von großer Bedeutung sei dabei eine schnelle Umrüstbarkeit von Produktionslinien sowie die mögliche Implementierung von Mehrschicht-Produktionen.

Schreiter sprach von Multi-Sourcing im Bereich Wiederbeschaffungszeiten und Kapazitäten, um strategische Sicherheitsbestände abzusichern. Dabei sei eine regionale Diversifizierung von großer Bedeutung. In Sachen notwendiger Qualitätsstandards und Prozessabläufe müssen Lieferanten frühzeitig in die Kette integriert werden.

Positives gegen „Perma-Stink“

Jan Hilger (Livinguard Technologies) erläuterte in seinem Kurzvortrag die Textilveredelungstechnologie „Better Fresh“ des Schweizer Materialwissenschaftsunternehmens, die Geruchsbildung reduzieren soll. Dabei setzt die Technologie nicht auf Biozide oder Silberionen, die geruchsverursachende Bakterien abtöten, sondern auf eine Textiloberfläche, die mit einer dauerhaften positiven elektrischen Ladung versehen wird. Diese zieht negativ geladene Geruchsmoleküle (z. B. aus Schweiß) an, bindet bzw. neutralisiert sie und wandelt sie in Salze um. Beim Waschen werden die entstandenen Rückstände entfernt und die Oberfläche wird wieder „aktiv“.

Susanne Paß (DTB-Geschäftsführerin) teilte sich die Moderation der Veranstaltung mit Christopher Veit.
Susanne Paß (DTB-Geschäftsführerin) teilte sich die Moderation der Veranstaltung mit Christopher Veit. - © Peter Schmid

Hilger betonte im Kampf gegen den „Perma-Stink“ besonders die hohe Waschbeständigkeit (je nach Anwendung bis zu 100 Waschzyklen) sowie die Eignung für Baumwolle, Polyester, Wolle, Viskose und Mischgewebe. Die Anwendung ist auch denkbar in Sportbekleidung, Alltagskleidung, Unterwäsche oder Heim- und Hoteltextilien. Als aktuelle Einsatzbeispiele nannte der Referent die Spezialkleidung für Seenot-Rettungsschiffe, die Winterkleidung der indischen Armee oder die Bekleidung der kanadischen Polizei. Sein persönlicher T-Shirt-Trageerlebnis-Selbstversuch (nonstop eine Woche im Messe- und Reiseeinsatz) habe ihn von dem Produkt überzeugt.

Faden-Fakten

Anita Buzengeiger-Mahncke (Amann & Söhne) bezeichnete sich als Nähfaden-Nerd und plauderte aus dem Nähfaden-Alltag in Sachen Ausschreibungen, Normen und Standards. Der Rohstoff und die Konstruktion seien dabei die Hauptparameter, die die Dehnung eines Fadens bestimmen. Anforderungen an die Naht zielen in Richtung Nahtquerreißfestigkeit, Nahtdehnung, Scheuer- oder auch Hitzebeständigkeit. Die Nahtleistung errechne sich immer aus den Nähfaden-Eigenschaften und der entsprechenden Verarbeitung. Letztere ist abhängig vom Stichtyp, der Nahtkons­truktion, der Stichdichte, der Fadenspannungseinstellung und der Nadelstärke.

Zuschnitt bei Gewebe mit Kevlar

Kevlar ist eine hochfeste synthetische Faser aus der Gruppe der Aramidfasern. Sie ist bekannt für ihre außergewöhnliche Kombination aus hoher Zugfestigkeit, geringem Gewicht und Hitzebeständigkeit. Kevlar wird unter anderem verwendet für Schutzwesten und Helme, Schnittschutzhandschuhe, Seile und Kabel, Verbundwerkstoffe im Flugzeug-, Boots- und Automobilbau sowie Sportgeräte wie Kanus, Skier und Fahrradrahmen. Das Unternehmen Expert International entwickelt Branchenlösungen und CAD/CAM-gesteuerte Schneidsysteme. Diese können mit eigens entwickelten Software-Lösungen kombiniert werden. Sebastian Bruder erläuterte in seinem Kurzvortrag die spezifischen Anforderungen an den Zuschnitt bei Gewebe mit Kevlar.

Beim Schneiden weichen die Aramidfasern oft der Klinge aus, anstatt sauber durchtrennt zu werden. Zudem stumpfen sie Werkzeuge relativ schnell ab. Reines Kevlargewebe wird meist mit Spezialscheren oder CNC-Messern zugeschnitten, während Verbundwerkstoffe häufig mit Wasserstrahl oder diamantbestückten Werkzeugen bearbeitet werden. Neben der hohen Belastung der Messer neigt das Gewebe zum Faserverzug und Ausfransen. So ist es notwendig, das Gewebe zu fixieren. Dies erfolgt bestmöglich über ein Vakuum mit entsprechender Saugleistung, um saubere Schnittkanten sicherzustellen. „Das A und O bleibt dabei die Klingentechnologie“, sagt Bruder. Die Klingen sollten permanent überwacht, regelmäßig gewechselt und geschärft werden. Bei größeren Geometrien kommt ein angetriebenes Rundmesser, bei feineren Geometrien ein oszillierendes Messer zum Einsatz. Eine Datenbank speichert den für jedes Material spezifischen Prozessparameter.

Klicktipp: Themenseite rund um Schutzausrüstung und PSA

Die Themenseiten des Fachmagazins R+WTextilservice informieren über Fakten, Hintergründe und Standpunkte einzelner Themenbereiche und thematischer Schwerpunkte. Sie geben eine kompakten Überblick und zeigen die unterschiedlichen Facetten zu Fragestellungen der Textilpflegebranche - fundiert recherchiert, redaktionell aufbereitet. Auch rund um Schutzausrüstung und PSA gibt es einen solchen Überblick.

Wenn jede Naht zählt

Über maßgeschneiderte Nählösungen für maximale Sicherheit in Schutzbekleidung und mit Kunden entwickelte Anwendungsbeispiele sprachen Karin Kilian und Lars Torbruegge (Dürkopp Adler). Wichtig sei zunächst immer das Zusammenspiel aus Nadel, Faden und Nähmaschine. Dabei stellt sich die Frage: Was macht eigentlich eine gute Naht aus? Entscheidend sind die gleichmäßige Stichlänge, der Stichanzug und die Fadenspannung. Auch sollte die Naht flachliegen, ohne Falten oder ein Kräuseln. Es sollten keine Fehlstiche oder Schlaufen auftreten und die Riegel stabil sein. Die Stichlöcher sollten sauber und nicht aufgerissen oder beschädigt sein. Auch der Faden darf nicht aufgedreht oder fransig sein.

Als besondere Anwendungen wurden eine automatisierte Nählösung für Knie- und Ellbogenschoner sowie das Aufbringen einer Paspeltasche an eine Latzhose mit schwerem Endlos-Reißverschluss vorgestellt.

Nahtversiegelung durch textiles Schweißen

Modernes textiles Schweißen und prozesssichere Nahtversiegelung im Bereich der Schutzbekleidung lautete das Thema von Michael Weis (PFAFF Industrial). Das kontinuierliche, textile Schweißen erfolgt heute durch den Andruck zweier Räder mittels Heizkeil, Heißluft, mittels Ultraschall oder auch Heißluft-Band. Ultraschall-Maschinen beispielsweise stehen in großer Auswahl für verschiedenste Applikationen zur Verfügung. Dabei werden die Materialien übereinander zwischen Sonotrode und Ambossrad gelegt. Letzteres wird geschlossen. Nach Aktivierung des Schweißprozesses beginnt die Sonotrode mit 35 kHz zu schwingen. Durch diese mechanische Schwingung und den Gegendruck des Ambossrades werden die Materialien durchgängig aufgeschmolzen.

Beim Heißluft-Bandschweißen zur Nahtversiegelung wird Luft auf eine gewünschte Temperatur erhitzt. Die Rollen werden geschlossen und fixieren Band und Material durch den eingestellten Druck. Eine Heißluftdüse schwenkt oberhalb eines Spaltes ein, so dass drei Viertel der heißen Luft auf das Band und ein Viertel auf das Material verteilt werden. Dadurch wird der Kleber des Schweißbandes aktiviert sowie das Material angewärmt. Die Rollen pressen das aktivierte Band auf die Oberfläche von Material/Naht und transportieren beides durch Rotation.

Wichtigster Partner in Sachen Nahtversiegelung und größter PFAFF-Einzelkunde ist GORE mit der Marke Gore-Tex.

>> Lesetipp: Die Techtextil 2026 ist eine wichtige Branchenmesse für textile Flächen und Garne in ­technischen Anwendungen. Wir waren im April in Frankfurt am Main vor Ort. An vielen Ständen dominierten Performance Apparel Textiles für Sicherheit, Verteidigung und Katastrophenschutz sowie PFAS-freie Ausrüstungen und Recyclinglösungen. Auch Schutzausrüstung war Thema der Messe. >> zum Artikel

Das digitale Einkleiden

Über die Zukunft des digitalen Einkleidens sprach Mark Zenzinger aus dem Hause Alvanon. Das Unternehmen hat technische Größen- und Passformwerkzeuge entwickelt, um Kunden zu helfen, eine genaue und konsistente Ausführung von Bekleidungsprodukten zu generieren. „Unsere AlvaForm-Kleiderformen und Körperformen sind als ultimatives Werkzeug für technische Anpassungsanforderungen konzipiert“, so Zenzinger. „Somit bilden wir den Zielkörper in unterschiedlichen Brands oder Institutionen ab. Eine Einkleidung ist dadurch quasi digitalisiert, eine mobile Körpervermessung möglich. KI-gestützte Analysen verwandeln reale Daten in intelligentere Größenlösungen. Body-Scans aus über 30 Ländern versorgen dabei die proprietären Algorithmen.“

>> Lesetipp: Textildienstleister Mewa setzt künftig eine KI-gestützte Vermessungssoftware für Berufsbekleidung ein. Das System ermittelt die passende Größe anhand von Bildaufnahmen und soll Anproben verkürzen. >> zum Artikel

Fortsetzung geplant

Zum Abschluss der Veranstaltung moderierte Christopher Veit eine kleine Feedback-Runde. Die Teilnehmenden zeigten sich begeistert ob der großen Offenheit und des intensiven Austauschs zwischen Industrie, Forschung und Praxis. Und eines steht bereits jetzt fest: Aufgrund des positiven Feedbacks werde es definitiv eine Fortsetzung für diese Dialogplattform geben – vielleicht mit noch mehr Workshop-Charakter, aber auf jeden Fall wieder mit viel Zeit für offenes Networking.

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