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Textilpflege in der Krise Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel?

Es ist ein stummer Hilfeschrei – und doch spricht er Bände: Textilreinigermeister Martin Graf hat eine Todesanzeige für seinen Betrieb aufgegeben. Auch wenn Unternehmer wie er weiterarbeiten dürfen, setzt ihnen der Lockdown zu. Genau das soll Grafs Inserat zeigen. Wie es dazu kam und wie die Branche und Stammkunden reagierten.

Corona trifft nicht jeden gleich. Besonders nicht wirtschaftlich. Angestellte fallen auf das vergleichsweise weiche Polster der Kurzarbeit, Minijobber donnern auf den harten Boden der Arbeitslosigkeit; viele Selbstständige stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Der Lockdown setzt dabei auch denen zu, die eigentlich gar nicht schließen müssen: Textilreinigungen dürfen zwar arbeiten, ohne Kunden aber bleiben die Trommeln leer – und mit ihnen die Kassen.

Die Unzufriedenheit wächst. Zwar spricht sich jeder zweite Deutsche für die ergriffenen Corona-Maßnahmen und gegen Lockerungen aus, doch dieser Wert sinkt. Anfang Januar 2021 befürworteten noch fast zwei Drittel (65 Prozent) die Maßnahmen der Bundesregierung. Laut der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sprechen sich Anfang Februar 37 Prozent der Befragten für eine Verlängerung der bisherigen Einschränkungen über den 14. Februar hinaus aus, 30 Prozent fordern dagegen, dass mehr gelockert wird, 13 Prozent wünschen sich eine Rückkehr zur Normalität.

Sauberland Textilpflege: Zwei Mal pro Woche laufen die Maschinen

Um Statistiken zu verstehen, muss man hinter die Zahlen blicken: Hinter den Werten stecken Menschen. Menschen wie Martin Graf. Seit 21 Jahren leitet der Unternehmer die Sauberland Textilpflege im bayerischen Weilheim. Vor Corona bearbeite der Textilreinigermeister 3.500 Hemden im Monat und bis zu 1.300 Bekleidungsstücke am Tag. Acht Festangestellte und zehn Aushilfskräfte arbeiteten an zwei Standorten. Jetzt wirft er die Maschinen zwei Mal pro Woche an. "Mit 10 kg Wäsche statt mit 25", erzählt Graf. Falle viel an, stehe er mit vier Mitarbeitern noch nachmittags im Laden – "viel" heißt mehr als 300 Teile. Die einzige Sparte, die noch halbwegs gut laufe, seien Mäntel und Jacken. Für Corona-Hilfen geht es dem Familienbetrieb zu gut. "Nur" knapp 27,5 Prozent der Umsätze brachen weg. Zu wenig für Soforthilfe. "Wir fallen durchs Raster", sagt er. Der Unternehmer fühlt sich im Stich gelassen. Nicht, weil er keine Finanzspritze bekommt. "Im Grunde will ich die gar nicht, ich will lieber normal weiterarbeiten." Sondern, weil seiner Meinung nach Unternehmer wie er kein Gehör finden.

Die Corona-Fallzahlen sinken, der Lockdown hält an

Die Kunden bleiben weg, das Eigenkapital schmilzt. Der Inzidenzwert fällt. Trotzdem hält der zweite Lockdown an – und wird vielleicht sogar verlängert. Graf versteht das nicht. Mit Abstand und Maske ließen sich doch Restaurants öffnen, mit Sicherheitskonzepten Veranstaltungen durchführen. "Warum passiert nichts?" Diese Frage treibt ihn um, reibt ihn auf, macht ihn sauer. Sauer über Politiker, die das Land lahmlegen. Sauer, weil sich keiner gegen die Maßnahmen wehrt. Sauer, weil er nichts dagegen tun kann. Seiner Wut machte er nun öffentlich Luft: Graf schaltete einer Todesanzeige – für seinen Betrieb.

Todesanzeige der Sauberland Textilpflege

"Man muss sich ja irgendwie wehren", erklärt der Unternehmer. Oder anders gesagt, auf die vertrackte Situation aufmerksam machen. Ohne Veranstaltungen, keine Wäsche – genau diese Abhängigkeit könne Betrieben wie seinem das Genick brechen. Besonders im zweiten Lockdown. Bei der ersten Schließung im März habe er noch versucht, die Auswirkungen abzufedern und seine Angestellten so einzuteilen, dass jeder regelmäßig kommen kann. "Sie verdienen ja auch nicht gerade rosig", sagt er. Und dass, obwohl er etwas über dem Mindestlohn zahle. Inzwischen müsse er mehr auf sich schauen. "Der Januar war furchtbar." Wäsche von Weihnachtsfesten blieb aus.

Corona setzt der Psyche zu

Doch nicht nur die finanzielle Lage macht dem 52-Jährigen zu schaffen: "Ich halte es psychisch nicht mehr aus." Beruflich wie privat. Die Hilflosigkeit zehrt an der Substanz. "Weil man nichts machen kann", sagt Graf. Wäre er krank, könne er Sport machen. Hätte er Konkurrenz, könne er Kampfpreise ansetzen. Gegen das Virus aber ist er machtlos. Sicherlich befürworte er Vorsicht, halte Abstand, trage eine Maske. Doch das Verständnis schwindet. "Jeden Monat gilt etwas anderes."

Die Ohnmacht sich gegen die Pandemie zu wehren, nährt Grafs Wut. "Die Leute sind bequem, wenn es sie nicht betrifft." Wer einen sicheren Job im Homeoffice habe, verstehe nicht, weshalb die Stimmung in der Gesellschaft kippt. Aber: "Die Menschen sind verzweifelt, weil sie keine Arbeit haben", sagt er. Kommentare von Politikern, den Lockdown zu nutzen, um beispielsweise eine ökologische Heizung einzubauen, empfindet er als blanken Hohn. "Wie denn? Wenn ich überhaupt kein Einkommen habe." Sein Konto schreibt längst rote Zahlen. Um sich zumindest die hohen Dispozinsen zu sparen, beantragte Graf kurz vor Weihnachten einen KfW-Kredit. Eine Antwort bekam er bisher nicht.

Messbarer Pessimismus: Das Geschäftsklima sinkt

Eigentlich sei er ein lebenslustiger Mensch. Übe mit Leidenschaft seinen Beruf aus und sorge im Betrieb gern für ein gutes Klima. Aber das Lachen, sagt Graf, das sei ihm seit dem zweiten Lockdown vergangen: "Das ist kein Leben mehr."

Ähnlich düster bewerten auch andere Unternehmer ihre Lage. Laut der Konjunkturumfrage des ifo Instituts blicken insbesondere Befragte aus dem Dienstleistungssektor pessimistisch auf die kommenden Monate und schätzen ihre Lage Anfang 2021 schlechter als im Dezember 2020 ein. Das spiegelt auch der ifo-Geschäftsklimaindex wider. Fällt der Wert, gilt das als Indiz dafür, dass die Konjunktur schwächelt. Im Januar sank der Frühindikator auf 90,1 Punkte. Im Dezember 2020 lag er noch bei 92,2, im Januar 2020 bei 95,9 Punkten. Ein bedrückendes Bild zeichnet zudem die neue Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK): Das Eigenkapital schwindet bei mehr als einem Viertel der befragten Unternehmen; jeder fünfte Betrieb kämpft mit Liquiditätsengpässen und 20 Prozent der Gastronomen rechnet mit Insolvenz.

Martin Graf in seinem Betrieb, der Sauberland Textilpflege in Weilheim

Deshalb schaltete Graf die Todesanzeige für seinen Betrieb

Existenzielle Ängste lassen sich nur schwer abschütteln, weiß Graf. Es steht Spitz auf Knopf. Der Unternehmer ist 52 Jahre alt. "Da lohnt sich ein zweiter Kredit kaum noch", sagt er. Bis zur Rente könne er den nicht abzahlen. Hält der Lockdown länger an, bleibe ihm vermutlich keine andere Wahl als den Familienbetrieb dichtzumachen. "Wenn es ans Eingemachte geht, da fühlst du dich angegriffen", sagt er. Aus dieser Not rief er bei der Zeitung an. Am 22. Januar erschien im Weilheimer Tagblatt die Todesanzeige. Der erste Satz: "So ergeht es bald Einzelhandel und Gastro, wenn die Schließungen anhalten." Neben einem schwarzen Kreuz prangt das Logo der Sauberland Textilpflege. Darunter steht: "Nach langer Krankheit (Lockdown) nach 49 Jahren geschlossen. Bis dahin war der Patient kerngesund." Im unteren Drittel veröffentlichte Graf die momentanen Öffnungszeiten seiner Filialen in Weilheim und Murnau.

So reagierte das Umfeld des Textilpflegers auf die Todesanzeige

"Manche Kunden wussten erst nach der Anzeige, dass wir offen haben", berichtet Graf. Nachbarn hätten nach der Anzeige – ganz wie im Trauerfall üblich – Geld gesammelt und ihm dann 20 Euro und eine Beileidskarte überreicht. "Ja, es ist zynisch", aber er könne das ab, sagt Graf und schiebt nach: "Gott sei Dank hat es eingeschlagen." Der Unternehmer wirkt erleichtert. Er habe viel positive Resonanz bekommen. Freunde und Bekannte hätten ihn darauf angesprochen, aber auch Leute, die er nicht kennt. Nicht alle pflichten ihm bei. In einem Fax unterstellte ihm ein Leser, über diesem Wege eine Insolvenz abwickeln zu wollen. Das stimme natürlich nicht. "Ich wäre ja froh, wenn es wieder normal laufen täte."

Wie früher ist es zwar noch nicht. Aber: "Es tut sich was", sagt Graf. Dem Inserat folgte ein Bericht im Münchner Merkur, daraufhin meldeten sich mehrere Kollegen bei ihm, erzählt er. Er glaubt, dass nun mehr Unternehmer "aus ihrer Deckung kommen". Denn in der schwierigen Zeit vermisst er eines: "Dass man nichts hört." Nichts von den Großwäschereien. Nichts von den Textilpflegeverbänden. "Einer allein bewegt aber nichts", sagt er und hofft, dass die Branche künftig mehr zusammenrückt.

Seine Stammkunden, das weiß er spätestens jetzt, stehen hinter ihm. Viele hätten zuhause regelrecht nach Textilien gesucht, die er bearbeiten kann: Betten, Bettwäsche oder gute Gewänder. Deshalb will Graf vielleicht noch eine zweite Anzeige schalten. "Eine Danksagung für treue Stammkunden."

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